PSYCHOLOGIE

PSYCHOLOGIE

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An der Universität Bamberg studierte ich Psychologie im Nebenfach. Noch heute fasziniert mich das Thema immer wieder. Ich bin fest überzeugt, dass unsere Gefühle, unser Gemüt und unser Geist die Gesundheit stark beeinflussen — im positiven wie im negativen Sinne.


DER SCHWEINEHUND

SchweinehundIch kämpfe jedes Jahr aufs Neue mit meinen Vorsätzen. Ich bin damit sicher nicht allein. Warum wir mit der Lust an unseren Lastern unsere Not haben, soll die Geschichte über unseren inneren Schweinehund für das Heft „Evolution Health“ zeigen.

 

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DER SCHWEINEHUND


Schweinehund

Noch nie gab es soviel Aufklärung rund um die Gesundheit. Aber es gab auch noch nie so viele Menschen, die ungesund leben. Im Grunde wissen wir, was unserem Körper gut tut. Doch warum machen wir es nicht? Es gibt da Jemand, der es viel zu oft schafft, uns von Vorsätzen abzubringen und uns ins Heer der Diätabbrecher, Therapiemuffel und Rückfall -Raucher schickt – der innere Schweinehund. Eine Spurensuche nach dem unterschätzten Saboteur der Selbstbestimmtheit.

Immer ganz oben auf der To-Do-Liste stehen sie, unsere Vorsätze. Wir wollen abspecken, das Rauchen aufhören, eine Fastenkur machen, oder nach jahrelanger Pause wieder joggen. Doch dann liegt da diese Schokolade auf dem Tisch, die Einladung zum Grillabend steckt im Briefkasten oder das Fernsehprogramm lockt uns aufs Sofa. Schon wittert der innerer Schweinehund seine Chance und flüstert „Einmal sündigen geht schon“. Dann sind wir mit uns im Konflikt zwischen Selbstdisziplin und Verlockung. Der Knackpunkt: Der innere Schweinehund ist immer die erste Hürde auf dem Weg zur Gesundheit.>

Wer ist eigentlich dieser innere Schweinehund? Wieso können wir ihn nicht vertreiben? Und was will er von uns? Einer, der es wissen muss, ist Marco von Münchhausen. Der Jurist und prämierte Trainer schrieb mehrere Bestseller über dieses (Un)Tier in uns, er reist seit Jahren durch die Republik und zeigt in Vorträgen, wie man mit dem Schweinehund am besten leben kann, ohne alle Vorhaben ad acta zu legen. Der „innere Schweinehund“ ist ein urdeutscher Begriff, erklärt der Autor. Unter anderem wurde er vom Militär benutzt. Soldaten sollten an der Front lernen, ihre inneren Widerstände, also ihren „inneren Schweinehund“ zu überwinden, um zur Waffe zu greifen. Der Schweinehund ist im grunde genommen ein Teil unserer gewachsenen Überlebens- und Verhaltensmechanismen. „Die moderne Psychologie geht davon aus, dass das Nervensystem uns mit einer roten Lampe vor Schaden schützen will, bevor wir etwas Neues ausprobieren. Der innere Schweinehund hat eine Schutzfunktion. Wir wünschen ihn oft weg, aber was wäre das Leben ohne diesen Schweinehund? Er hält uns ja nicht nur von etwas ab, er zeigt uns auch, was wir jetzt brauchen, zum Beispiel einfach mal in der Hängematte liegen, obwohl der Schreibtisch voller Akten liegt. Das schützt uns bestenfalls vor einem Burn Out“, erklärt Marco von Münchhausen.

Ein Blick in unsere Gehirnanatomie zeigt, wo der Knoten liegt. Während wir Pläne schmieden, ist der dafür aktive präfrontale Kortex mit den Teilen im Gehirn, die für unser Handeln zuständig sind, sehr schwach vernetzt. Der Weg von der Intention über die Schaltzentrale der Emotionen bis zu den Ausführungssystemen ist in unserem Kopf blockiert. In schwierigen Situationen kommt uns das zugute, denn es schützt uns davor, vorschnell zu handeln. Das heißt aber, um unser Verhalten in eine Richtung zu lenken, reicht nicht unser Wille allein, entscheidend ist auch, wie wir unsere Gefühle regulieren können. Das zeigte bereits der Persönlichkeitspsychologe Walter Mischel in den 60er Jahren mit seinem Marshmallowtest. Er stellte Vorschulkinder vor die Wahl entweder gleich einen Marshmallow zu bekommen oder nach 20 Minuten Wartezeit mit mehr Süßigkeiten belohnt zu werden. Kinder, die der Versuchung widerstanden und ihre Impulse besser kontrollieren konnten, behalfen sich mit Ablenkung oder stellten sich Berge und Wolken voller Marshmallows vor. Der positive Kick dieser Gedankenbilder animierte sie, überlegter zu handeln. Mischel wies zudem nach, dass diese Kinder auch als Erwachsene es im Beruf, Privatleben und Gesundheit leichter hatten, kurzfristig auf Verlockungen zu verzichten, um so langfristige Ziele zu erreichen. 

Er entwöhnte sich vom Tabak mit der gleichen Methode. Jedesmal, wenn er zur Zigarette greifen wollte, stellte er sich das Bild eines leidenden Krebspatienten vor und dann das Leben ohne Tabak. Das bildliche Vorstellen von Zielen gehört inzwischen zur klassischen Trickkiste im Umgang mit dem inneren Schweinehund. „Wir Menschen sind in der Lage, die Bedeutung, die wir einer Situation geben, so zu verändern, dass es uns dabei hilft, zu tun, was wir uns vorgenommen haben“, so Mischel, der mit seinem Test zeigte, dass wir also keineswegs den Reizen um uns wehrlos ausgeliefert sind.

Tatsache ist aber, jeder hat seinen eigenen persönlichen Schweinehund, er sitzt nur in unterschiedlichen Ecken. Während der eine, nichts Süßes stehen lassen kann, hat ein anderer seinen Schweinehund im sozialen Miteinander und scheut es, schwierige Gespräche zu führen. Andere drücken sich vor Entscheidungen oder dem Zahnarztbesuch. „Wo der innere Schweinehund steckt, das hängt ganz davon ab, wie wir aufgewachsen, erzogen und sozialisiert wurden“, erklärt Marco von Münchhausen den Mechanismus. Man könne ihn auch nicht vertreiben, sondern muss ihm Grenzen setzen und ihn in die Planungen einbeziehen, rät der Experte. Doch dafür sollte man sich bewusst machen, wo er sich im Alltag zeigt. „Wer ihn und seine Ausreden kennt, kann ihn leichter in die Schranken weisen“, ist der Trainer sicher. Er rät, sich eine Art Hitliste der Ausreden und Taktiken aufzuschreiben, mit dem der Schweinehund uns in jeder Phase des Prozesses vom Plan bis zur Umsetzung und Durchhalten manipulieren will. Wer kennt diese Sätze nicht: „ Das lohnt sich doch nicht“ oder „Ich kann nichts dafür“ oder „Bei dem besonderen Anlass, man lebt ja nur einmal“. Diese Ausreden zu erkennen und zu entkräften, das ist eines der ersten Ziele.

Doch jetzt kommt die entscheidende Frage: Wie kriege ich den Schweinehund zahm, der mich angeblich hindert, mein Übergewicht zu reduzieren oder den Cholesterinwert zu senken? „Umfragen zufolge reicht Wissen um das, was uns gesund macht, nicht aus“, sagt Julia Schüler. Sie arbeitet an der Universität Zürich zum Thema Motivationspsychologie und weiß, für eine Verhaltensänderung brauchen wir Selbstkontrollstrategien. „Die Forschung zeigt, dass die Kluft zwischen Wissen und Handeln erfolgreich mit Handlungsplänen überbrückt werden kann. Wir konnten erkennen, dass sie normalen Zielintentionen wie diese typischen Neujahrsvorsätze in der Umsetzungsrate überlegen sind“, erklärt sie. Handlungspläne sind eindeutige Vorgaben an sich selbst, am besten schriftlich, die an einen Zeitpunkt oder Ort gebunden sind, wie zum Beispiel „Ich gehe jeden Mittwochabend um 17.00 Uhr joggen.“ Davon sollte man sich auch durch Ablenkungen nicht abbringen lassen. Julia Schüler schlägt für solche Situationen Bewältigungspläne vor, die man sich für alle Fälle bereit legt: „Wenn an meinem Joggingtag zum Beispiel eine Freundin anruft und sich mit mir verabreden will, dann sage ich ab, frage sie, ob sie mich beim Joggen begleitet, oder verschiebe das Treffen um einige Stunden. Und wenn es am Joggingtag in Strömen regnet, dann gehe ich stattdessen schwimmen oder lege mir einen fixen Alternativtermin. “ Um auch am Ball zu bleiben, rät Marco von Münchhausen zu einer Strategie der kleinen Schritte. Fordere Dich, aber überfordere Dich nicht, heißt dabei eine wichtige Regel. Als einer seiner Freunde bedenkenswerte Cholesterinwerte hatte, stellte dieser auch nicht von einem Tag auf dem anderen sein Leben um, sondern machte es ganz langsam. „Erst lief er fünf Minuten pro Tag, nach zehn Tagen waren es schon sieben Minuten, und schließlich war es täglich eine Stunde. Da der Schweinehund der Wächter unseres Wohlgefühls ist, steht er irgendwann freiwillig vor der Tür, wedelt mit dem Schwanz und fragt, wann es los geht.“ Doch bis die Glückshormone im Blut Purzelbäume schlagen und der Körper nach mehr schreit, braucht es seine Zeit.

Es bedarf einer Übergangsphase, um seinen Schweinehund umzuerziehen. Es gibt zwei Kurven, die den Erfolg bestimmen – die Einsatz und Rendite–Kurve. Kreuzen sich diese Kurven, ist der „Point of no Return“ erreicht, ab dann läuft vieles von selbst. Ihn gilt es zu erreichen, egal wie klein die Schritte sind. Deshalb sollte man es sich am Anfang so leicht wie möglich machen. „ Umstellung ist immer schwieriger, wenn es im Hauruck-Verfahren läuft. Unser Verhalten reagiert gern wie ein Gummiband und schnellt in das alte Muster zurück. Das Nervensystem passt sich in Minimalschritten an und trainiert sich selbst. Zwischen sechs und acht Wochen braucht es dafür.“ Wichtig ist, und da sind sich Forscher wie Trainer einig, am Anfang darf es keine Einbrüche geben, also keinen Tag ohne Ausnahme! Sonst ist der Kurvenverlauf nach oben unterbrochen und der Schweinehund bekommt Futter.

Leider wird bei allen Gesundheitsprogrammen und Präventionskampagnen der innere Schweinehund zu wenig einbezogen. Dabei setzt ein gesunder Lebensstil Kernkompetenzen voraus: Selbstdisziplin und Selbstkontrolle. Sie sind uns sicher nicht in die Wiege gelegt, aber sie lassen sich von Kindesbeinen an trainieren. Es gibt genügend Tricks, um den Schweinehund an die Leine zu nehmen. Und es lohnt sich, immer wieder daran zu arbeiten. Also auf geht´s! 

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In der Stressfalle

Burn OutEine große Geschichte rund um das Thema „BurnOut“ habe ich gemeinsam mit einer Kollegin für das SBK-Magazin „SBK leben“ geschrieben, sie erfasst die wichtigsten Punkte und Irrtümer über das Krankheitsbild.

 

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In der Stressfalle


Burn Out

Burnout kommt nicht über Nacht. Erst das Zusammenspiel vieler Variablen bringt uns langfristig aus der Balance. Dabei folgen wir oft gängigen, aber nicht gerade gesunden Glaubenssätzen. Wir haben 10 alltägliche Irrtümer unter die Lupe genommen.

1. Internet macht das Leben einfacher!

Wirklich? Bahntickets kaufen oder Kinoprogramm durchstöbern – unbestritten, vieles geht mit dem Internet schnell und einfach. Doch es beschleunigt und bestimmt und beschleunigt inzwischen unseren Alltag. Der vernetzte Mensch verbringt laut neuesten Studien durchschnittlich 83 Minuten pro Tag online, Tendenz steigend, denn allein in den vergangenen drei Jahren hat sich die Nutzung von Mobilgeräten mit Internet verdreifacht, so sind wir überall online. Tote Wartezeit gibt es nicht mehr. Sie wird effizient genutzt. Wir checken mit dem Smartphone vor der roten Ampel die E-Mails oder lesen am Bahnsteig Börsennachrichten. Doch was bedeutet das für unsere Belastungsgrenze? Das Internet zwingt uns zu einer Vielzahl kleiner Entscheidungen: Brauch ich das oder nicht? Gibt es das irgendwo günstiger? Unser Gehirn wird von dem Nonstop-Input und den ständigen Themenwechseln auf Dauer überfordert. Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese Überreizung unsere Konzentrationsfähigkeit immer mehr kappt und wir beispielsweise schlicht verlernen, in Ruhe ein Buch zu lesen. Dazu kommt der Zeitfaktor: Stundenlang schwirren wir zwischen News, Facebook oder Ebay umher, vergessen die Uhr und geraten unter Druck. Der amerikanische Psychologe Joseph Ferrari von der De- Paul University in Chicago schloss aus seinen Studien, dass ganze 20 Prozent der Menschen in Industriestaaten so stark an digitaler Zerstreuung leiden, dass viele teilweise ihre Aufgaben nicht mehr termingerecht erledigen. „Dieses Aufschiebeverhalten, auch Prokrastination genannt, führt in chronischen Fällen zu Schlaflosigkeit und Depressionen“, warnt Prof. Dr. Gary Bente, Leiter des Instituts für Sozial- und Medienpsychologie der Universität Köln.
SBK-Expertin Beate Landgraf: „Nehmen Sie sich pro Stunde rund 5 Minuten Zeit, um geistig im wahrsten Sinne herunterzufahren. Schauen Sie aus dem Fenster, gönnen Sie sich und Ihrem Gehirn öfter eine Pause. Ein Urlaubs- oder Familienfoto auf dem Schreibtisch ist ein guter Einstieg, um aus einer Stresssituation auszusteigen. Versuchen Sie mit allen Sinnen die Erinnerung an schöne Momente herzuholen.“


Langeweile ist vergeudete Zeit!

Wirklich? Wann haben Sie am Wochenende einfach mal nichts gemacht? Das heißt wirklich nichts, nur gefaulenzt. Das fällt vielen Menschen immer schwerer. Feierabende und Urlaube werden weniger zum Abschalten genutzt. „Wir erleben eine Verdichtung der Zeit, die kaum noch Platz für Muße lässt. Finanzkrisen und Jobunsicherheit fordern, dass wir uns auch in der Freizeit fortbilden, uns um die eigene Altersvorsorge kümmern oder recherchieren, welche Schule die beste für den Nachwuchs ist“, meint die Heidelberger Soziologin Dr. Kerstin Ullrich. Freizeitaktionismus statt Ausgleich bestimmt das Wochenende: Man lädt Freunde zum Brunch ein, besucht Ausstellungen, geht ins Kino oder ist auf Städtereise. Schuld an dieser „Hyperaktivität“, so der Karlsruher Philosoph Byung-Chul Han, sei eine geringe Toleranz gegenüber Langeweile. Folglich spricht er in seinem Buch auch von „Müdigkeitsgesellschaft“. Doch der Mensch ist keine Maschine, er braucht die Langeweile – zum Entspannen und Reflektieren. „Wenn man Kinder im Sandkasten beim Spielen beobachtet, dann sieht man, dass sie manchmal einfach dasitzen und in die Luft gucken“, erklärt Psychiater Prof. Manfred Spitzer. Es sei wichtig für unser Gehirn, „dass es nicht immer bei irgendetwas in der Welt ist, sondern gelegentlich einfach nur bei sich selbst.“
SBK-Expertin Beate Landgraf: „Bauen Sie auch in der Freizeit Pausen ein. Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder auch die Progressive Muskelrelaxation fahren den Kopf und den Körper herunter, sie entschleunigen und beugen so einer Spirale aus chronischem Stress vor.“


Es ist ein Gewinn, immer erreichbar zu sein!

Wirklich? Rund um die Uhr und überall erreichbar zu sein, das ist für drei Viertel aller Handybesitzer der wichtigste Pluspunkt am Mobiltelefon. Doch permanentes On-Sein zermürbt. Anrufe, Kurznachrichten, die Rückmeldung der Mailbox, Klingeln und Piepen unterbrechen stetig unser Tun und fordern uns auf, schnell zu antworten. Einen Teil der Aufmerksamkeit verwenden wir darauf, das Handy zu überprüfen. Auf Dauer führt das zu einem geistigen Zapping und Konzentrationsstörungen. Die Dauerbereitschaft hat eine weitere Schattenseite: Sie weicht die Grenzen zwischen Job und Privatleben auf. Laut einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom sind 88 Prozent der Berufstätigen auch außerhalb ihrer Arbeitszeit für Kunden, Kollegen und Chefs da. Ein Abschalten von der Arbeit wird so unmöglich
. SBK-Expertin Beate Landgraf: „Schalten Sie bewusst am Abend zur gleichen Stunde das Handy aus. Oder legen Sie einen ganzen Tag eine Handypause ein. Dann können Sie ungestört bei einer Tasse Tee abschalten, Musik hören oder mit Ihrem Partner Zeit verbringen.“


Wer multitask arbeitet, schafft mehr!

Wirklich? Multitasking ist ein Mythos, haben Psychologen schon lange bewiesen. Wir können beim Kochen, Duschen oder Autofahren nebenbei unseren Gedanken nachhängen, aber sonst sind wir kaum in der Lage, gleichzeitig Aufgaben problemlos zu meistern. Eine breit angelegte Studie der Ecole Normale Supérieure in Paris zeigte, dass wir höchstens zwei gleichwertige Dinge parallel bearbeiten können, doch wir springen zwischen den Tätigkeiten geistig hin und her. Fehler sind die Folge, denn beim Umschalten fallen Kleinigkeiten durch das Raster. Viele Menschen reagieren deutlich langsamer, als wenn sie etwas nacheinander tun. Entscheidungen fällen wir übrigens grundsätzlich der Reihe nach, wobei das durchaus gerafft funktioniert. Doch wer immer mehrgleisig fährt, kann irgendwann nicht mehr auf sein Bauchgefühl hören und entscheidet schnell und rational. Der Mensch funktioniert nur noch marionettenhaft, wird rastlos und aggressiv, was der US-Psychotherapeut Edward Hallowell als Attention Deficit Trait (ADT), Aufmerksamkeitsdefizitmerkmal, charakterisiert.
SBK-Expertin Beate Landgraf: „Bauen Sie zwischen jeder Aufgabe, die Sie erledigt haben, eine kurze Besinnungspause ein. Stellen oder setzen Sie sich dafür bewusst hin, konzentrieren Sie sich darauf und atmen Sie gut durch. Wenn Sie mit diesem Ritual das Projekt oder den Arbeitsschritt abschließen, kann Ihr Gehirn besser auf das neue umschalten. Sie snd umso konzentrierter.


Ein Riegel zwischendurch ist das beste Hirnfutter!

Wirklich? Ein süsser Riegel für zwischendurch ist für viele auf Reisen oder im Büro die letzte Rettung. Ganz nach dem Motto, ist zwar Schokolade, aber Hauptsache Essen! Falsch, sagt Präventionsmediziner Dr. Michael Spitzbart in seinem Buch „Erschöpfung und Depression. Wenn die Hormone verrücktspielen“ und rät zu ausgewogenen Mahlzeiten. Statt auf Zucker sollte man auf gehirnaktives Eiweiß achten. „Aminosäuren sind für Leistungsträger ein Muss, damit Serotonin und Noradrenalin nicht auf der Strecke bleiben“, so der Experte. Serotonin ist das Hormon der inneren Ruhe und letztendlich des Glücks. Haben wir zu wenig davon, können Depressionen, gar Psychosen die Folge sein. „Wie wir aus der modernen Zellforschung wissen, kann Ernährung unseren Hormonhaushalt maßgeblich beeinflussen. Und da gehirnaktive Aminosäuren mit der Nahrung aufgenommen und nicht selbst vom Körper hergestellt werden, ist es wichtig, aufs Essen zu achten!“, erklärt Spitzbart. Die Ausgangssubstanzen für das Glückshormon Serotonin und das Antreiberhormon Noradrenalin stecken hauptsächlich in Vollkorn-, Soja-, Ei- und Molkereiprodukten, Kartoffeln, Bananen, Wildreis, Hülsenfrüchten oder Erdnüssen – aber nicht in Schokolade!
SBK-Expertin Beate Landgraf: „Ein reichhaltiges Frühstück, ein aufbauendes Mittagessen und ein ausgewogenes Abendessen mit einem Abstand von vier bis fünf Stunden zwischen den Mahlzeiten, das beugt Krankheiten vor und erhöht die Lebenserwartung. Verzichten Sie lieber auf Zwischenmahlzeiten und trinken Sie viel. Dadurch wird der Schokoriegel überflüssig, der eh nur etwa 30 Minuten Energie bringt, um dann den Körper noch tiefer in die Müdigkeit zu führen."


Sein Umfeld belastet man nicht mit Sorgen!

Wirklich? Der Terminkalender ist voll und soziale Kontakte bleiben auf der Strecke. Ein Teufelskreis beginnt. Denn wer sich durch zu viel Belastung ausgebrannt fühlt, der redet ungern darüber. Die meisten Burnoutpatienten trauen sich nicht, mit anderen über Sorgen und Probleme zu sprechen. Sie bringen sich um ein reinigendes Mittel, Dampf abzulassen, um sich so im Austausch neue Perspektiven aufzeigen zu lassen. Doch gerade das ist wichtig, damit wir uns emotional eingebettet fühlen und Druck besser standhalten. Kollegen, Freunde und Familie sind dabei Unterstützer und Sparringspartner zugleich. Nach Ansicht der Glücksforschung kommt diesen sozialen Bindungen eine zentrale Stellung zu: Sie stützen, geben Halt in unsicheren Zeiten und machen uns im Gegensatz zu Karriere, Geld und Statussymbolen wirklich glücklich. Daher raten die Experten zur goldenen Mitte, um nicht mit „Depersonalisierung“ zu reagieren. So nennen Psychologen das Verhalten Dauergestresster, die nicht mehr die Kraft haben, sich zu verabreden.
SBK-Expertin Beate Landgraf: „Mit Dankbarkeit, optimistischen Gedanken und sozialem Engagement schaffen Sie sich selbst nachhaltige Glücksgefühle. Schreiben Sie Briefe an Menschen, denen Sie Dank schulden, ohne sie abzuschicken. Tragen Sie in Ihr Tagebuch ein, wie Sie sich Ihre Zukunft vorstellen. Schreiben Sie sich jede Woche drei schöne Erlebnisse auf, die Ihnen widerfahren sind. Seien Sie altruistisch, spenden Sie und engagieren Sie sich für soziale Projekte. Nehmen Sie am Leben außerhalb des Jobs mehr teil.


Die Müdigkeit vergeht schon wieder!

Wirklich? Wer meint, nur funktionieren zu müssen, verlernt, auf sich und seinen Körper zu hören. Rücken- und Nackenschmerzen, vermehrte Infekte, Schlafstörungen – diese unspezifischen Anzeichen einer beginnenden Erschöpfung nehmen deshalb die wenigsten ernst. Das vergeht schon wieder, denken viele. Erst wenn permanente Müdigkeit, keine Lust auf Freizeit und Freunde und Gemütsschwankungen sich einstellen, werden viele hellhörig. Ähnlich wie bei einem Akku bauen Betroffene körperlich und geistig ab und werden immer weniger leistungs- und lebensfähig. Aufgrund der gestörten Gehirnfunktionen legt sich ein regelrechter Grauschleier über ihr Denken. Der Zwang, sich zu beweisen, das Vernachlässigen eigener Bedürfnisse, Verdrängen von Problemen und Umdeutung von Werten sind der Einstieg ins Burnout, zeigte der Psychiater und Erfinder des Begriffs „Burnout“ Herbert Freudenberger. Wer sich aber immer mehr zurückzieht, sich innerlich leer fühlt und bereits körperliche Probleme hat, der steckt mittendrin.
SBK-Expertin Beate Landgraf: „Wenn Sie bei sich diese Symptome erkennen, müssen Sie aktiv werden. Machen Sie zum Beispiel einen Burnouttest, oder wenden Sie sich an eine psychologische Beratung!“


Wer Ja sagt, erntet Anerkennung!

Wirklich? Wer sich bis in die Nacht einbringt und auch bei Krankheit sein Team nicht im Stich lässt, beweist Einsatz und Begeisterung. Von wegen! Diese hyperengagierten Menschen sieht der Hamburger Burnoutforscher Prof. Dr. Matthias Burisch als besonders burnoutgefährdet. Sie können zu nichts Nein sagen. Es fehlt an der gesunden Abgrenzung. Burisch unterscheidet zwei Typen: Der Aktive ist immer mit vollem Einsatz dabei, sagt aus eigenem Antrieb zu allem Ja und muss wie ein Getriebener auch im privaten Leben überall dabei sein, bis er verschlissen am Boden liegt. Der passive Typ hingegen will es jedem recht machen, kann nichts abschlagen, um so Dank und Anerkennung zu ernten. Dabei verzettelt er sich in einem Wust ungeliebter Aufgaben. Beides hat auf Dauer Konsequenzen. „Wer nicht Nein sagen kann, kommt im Leben zu kurz, übergeht sich und seine Bedürfnisse, er gefährdet seine Gesundheit“, warnt der Züricher Psychologe Prof. Dr. Jürg Frick. Innere Antreiber sind oft Sätze wie „Sei perfekt!“ oder „Sei immer stark!“. Viele unter uns folgen diesen Denkmustern und sind Jasager. Eine aktuelle Emnid-Umfrage zeigt, dass 81 Prozent der Befragten eine Bitte nicht ausschlagen können – und sich hinterher über ihre Zustimmung ärgern.
SBK-Expertin Beate Landgraf: „Beobachten Sie sich selbst! Wer bin ich, oder welcher Typ bin ich? Gestehen Sie sich selbst ein, welche Stressoren Sie antreiben. Hören Sie in sich hinein, wie Sie sein wollen, was Ihre Wünsche und Bedürfnisse sind. Erst dann können Sie sich verändern und neue Verhaltensmuster aufbauen.“


Einmal Yoga in der Woche reicht!

Wirklich? Ob Tai-Chi, Qigong oder Yoga – sanfte asiatische Sportarten sind angesagt und haben Millionen Anhänger in Deutschland. Die Kombination aus Bewegung und Entspannung gilt als das Mittel schlechthin, um beim Spagat zwischen Job und Leben in Balance zu bleiben. Doch Runterfahren allein reicht nicht. Experten sind sich einig: Regelmäßiger Sport wie Joggen, Fahrradfahren oder Fitnessübungen senken den Stresspegel massiv, am besten drei Mal pro Woche mindestens 30 Minuten. Hintergrund: Stress ist ein Alarmprogramm aus der Steinzeit, das immer dann anläuft, wenn es eng wird. Der Körper schüttet Stresshormone wie Cortisol aus, wenn er sich überfordert oder bedroht fühlt. Sie machen den Menschen stark und wieselflink, damit er angreifen oder fliehen kann. Doch die meisten von uns sitzen vor dem Schreibtisch und jagen kein Mammut oder laufen vor Bären weg. Wir lassen den Stress einfach in unseren Körper fahren und verteidigen uns höchstens verbal, während der Organismus hormonell auf Nahkampf eingestellt ist. Die körpereigenen Starkmacher werden nicht abgebaut und schädigen unsere Gesundheit.
SBK-Expertin Beate Landgraf: „Unser vegetatives Nervensystem braucht einerseits das körperliche Auspowern und andererseits Yoga oder Autogenes Training, um in Balance zu bleiben. Beides im Wechsel ist ideal für einen gesunden Körper und Geist.>“

Fernsehen am Abend entspannt!

Wirklich? Abschalten heißt in Deutschland Anschalten. Fernsehen gilt als beliebteste Freizeitaktivität am Abend, und nicht selten schlummert der eine oder andere während des Krimis auf dem Sofa ein. Je nach Alter und Bildungsstand verbringen wir laut aktuellen Mediaanalysen bis zu 4,5 Stunden täglich vor dem Fernseher. Doch das Abtauchen in Bilderwelten ist keine Entspannung, das passive Berieseln mit schnellen Bildern heizt die Reizspirale eher an und kann zu Schlafstörungen führen. Laut der neuesten Bitkom-Statistik fühlt sich bereits mehr als die Hälfte der Deutschen von der medialen Informationsflut überfordert – doch die Finger von der TV-Fernbedienung lässt trotzdem kaum einer von uns.
SBK-Expertin Beate Landgraf: „Schalten Sie mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen den Fernseher aus. Schaffen Sie sich neue Rituale und drehen Sie zum Beispiel eine Runde um das Haus, sprechen Sie mit Ihrem Partner oder lesen Sie noch ein Buch – möglichst keinen Psychothriller. Etwas Autogenes Training vor dem Einschlafen bringt einen besonders erholsamen Schlaf."

Mitarbeit am Artikel: Christine Koller

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Die Kraft der Rituale

Die Kraft der RitualeRituale sind mehr als nur kleine symbolische Handlungen. Sie strukturieren unseren Tag, unser Leben. Sie können auch im besten Fall helfen, uns aus Krisen zu helfen. Für eine Geschichte zu dem Thema habe ich mit einer Ritualtherapeutin gesprochen.

 

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Die Kraft der Rituale


Die Kraft der Rituale

Wir lesen unseren Kindern Gute-Nacht-Geschichten vor, blasen am Geburtstag die Kerzen auf der Torte aus oder stoßen auf die Gesundheit und das Wohlergehen des Geburtstagskindes an: Unser Alltag steckt voller kleiner Rituale, die wir oft gar nicht als solche wahrnehmen. Aber Rituale begleiten uns durchs ganze Leben, strukturieren den Alltag und helfen uns sogar in Krisensituationen

Jeden Sonntag schneidet Martha Kellner Artikel aus der Zeitung aus, die ihre Tochter interessieren könnten. Danach klebt die 79-Jährige die Ausschnitte auf Papier und schreibt ein paar Zeilen dazu. Am nächsten Tag bringt sie den Umschlag zur Post. Dort plaudert die Rentnerin wie immer mit dem Beamten am Schalter und geht zufrieden nach Hause. Ihre Tochter ist ausgewandert, lebt nun mit Ehemann und Kindern in Amerika, also weit weg. Seitdem fühlt sich Martha Kellner in dem kleinen Kurort Bad Salzuflen einsam. Mit ihrem wöchentlichen Ritual schuf sie sich selbst eine Brücke über den Ozean. Ein Ritual muss eben nicht immer eine feierliche Zeremonie sein. Wissenschaftler sind sich längst einig, dass es dabei vielmehr um sich wiederholende und bewusste Handlungen geht. Sie durchdringen unseren Alltag und helfen uns auf vielerlei Art, mit dem Leben klarzukommen. Hirnforscher Gerald Hüther ist sich sicher, dass wir sie brauchen: „Individuelle Rituale helfen besonders, Krisen besser zu bewältigen.“ Nicht umsonst laufen Beerdigungen seit Generationen immer nach dem gleichen Muster ab, damit die Hinterbliebenen in der Trauer Halt finden. Gerade Menschen, die unter Stress stehen, können Rituale gezielt einsetzen, rät Hüther. In England kennt man den Fünf-Uhr-Tee,in Japan wird das Teeritual als kurzer Rückzug in die Ruhe zelebriert. Die rituelle Auszeit zu einer festen Stunde ist wie eine Atempause vom Alltagsdruck. „Anstatt sich mit Medien, Konsum oder Suchtmitteln abzulenken, richten Rituale den Blick nach innen“, ist der bekannte Neurobiologe überzeugt. Dabei gehe es um das damit verbundene Gefühl. Das bringt Ruhe ins neuronale Durcheinander.


Mehr Struktur im Alltag

Ein Ritual ist daher mehr als eine Gewohnheit oder ein Automatismus wie das Schalten beim Autofahren. Rituale bestimmen unseren Tagesablauf, angefangen bei der Tischordnung beim Frühstück. Selbst das Zähneputzen ist laut der Wissenschaft nicht nur ein tägliches Muss, sondern auch ein Reinigungsritual. „Es signalisiert den Übergang zwischen Tag und Nacht“, erklärt der Anthropologe Christoph Wulf. Besonders Kleinkinder profitieren davon. Läuft das Zubettgehen immer gleich ab, dann fällt dem Nachwuchs das Einschlafen leichter. Ein Effekt, der auch Erwachsenen hilft, besser in den Schlaf zu finden. Neben Psychologen machen sich auch Pädagogen die Kraft der Rituale zunutze. Denn individuelle Rituale helfen, das Büffeln in der Schule oder für das Studium besser zu strukturieren. Die Kölner Lerntrainerin Sabine Grothehusmann zeigt in Workshops den Teilnehmern, wie richtig eingesetzte Rituale die Motivation verstärken und in Prüfungsphasen Orientierung und Sicherheit geben. „Man sollte immer an einem festen Ort lernen. Wer schlecht abschalten kann, dem hilft zum Beispiel eine bestimmte Musik als Signal zum Abschluss des Lerntages ein Tuch über den Schreibtisch zu legen oder immer nach dem Lernen joggen zu gehen.“ Wichtig sei ein klarer Schnitt zwischen Schreibtisch und Freizeit.


Gefühl der Gemeinschaft

Rituale leisten noch mehr: Anthropologen gehen davon aus, dass Gemeinschaften ohne Rituale gar nicht möglich wären. Sie begleiten die Menschheit seit jeher, haben viele Bedeutungen und scheinen ein Grundbedürfnis zu sein. Manche Wissenschaftler vertreten sogar die These, dass Rituale in unserer Natur liegen; sie seien sogar im Tierreich zu beobachten. So vergleicht der amerikanische Religionsanthropologe Richard Sosis das Singen in der Kirche mit den Singritualen von Buckelwalen. Tatsache ist – ob im Fußballstadion oder beim Konzertbesuch: Rituale schaffen ein Gefühl von Gemeinschaft und Verbundenheit, sie erleichtern den Umgang miteinander. So weiß man einfach, wie man sich am Tisch benimmt oder sich begrüßt. Je nach Kultur, Situation und Umfeld lernen wir als Kind, ob und wann wir Hände schütteln, uns verbeugen oder dem Gegenüber ein Küsschen auf die Wange geben.


Im Wandel der Zeit

Rituale verändern sich stetig, und wie dies geschieht, das untersucht der Sonderforschungsbereich Ritualdynamik an der Universität Heidelberg. Mehr als 90 Wissenschaftler aus 15 Fachdisziplinen nehmen Rituale weltweit unter die Lupe. „Gerade die globale Erlebnisgesellschaft entdeckt Rituale wieder, erfindet sie neu oder importiert sie aus anderen Kulturen“, erklärt der Indologe Axel Michaels vom Sonderforschungsbereich. So haben sich die Erfinder des Bungee-Jumpings von dem alljährlichen Lianenspringen auf einer Südsee-Insel inspirieren lassen. Aus dem rituellen Spektakel, mit dem früher die jungen Stammesmitglieder Frauen beeindruckten und ihren Mut öffentlich zur Schau stellten, ist heute ein kommerzieller Nervenkitzel geworden. Und Rituale wie das Beschenken des Partners zum Valentinstag eroberten in kurzer Zeit viele Länder.


Gestalte dein eigenes Ritual!

Rituale wirken extrem emotional, darin liegt auch ihre besondere Kraft. „Sie sprechen unsere Gefühle an, machen uns auch etwas zum Regisseur unseres Lebens",erklärt Ritualgestalterin Tanja Totzeck. „Für viele von uns ist es deshalb wichtig, unsere Geburtstage zu feiern, denn wir haben oft das Gefühl, dass die Zeit rast. Rituale machen diese Lebensabschnitte klarer und zeigen uns auch die Bedeutung von Zeit“, so Totzeck weiter. Als Veranstaltungsmanagerin arbeitete sie bereits jahrelang indirekt mit Ritualen. „Ob das Durchtrennen von roten Bändern bei einer Eröffnungsfeier, das Überreichen von Gastgeschenken – ich fand es schade, dass den Gesten und Symbolen kaum Raum gegeben wurde.“ Aus diesem Gedanken heraus fand Tanja Totzeck schließlich eine neue Berufung: Sie besuchte die Fachschule für Rituale in der Schweiz und gründete 2009 in Hamburg das „Atelier für Rituale“. Gemeinsam mit ihren Kunden erarbeitet und gestaltet sie passende Zeremonien. Ob Taufe, Konfirmation, Kommunion oder Hochzeit: Wer keiner Kirchengemeinde angehört, hat eher den Wunsch nach einer individuell gestalteten Ritualfeier. „Heutzutage sind wir nicht mehr so an Traditionen und den Glauben gebunden wie die Generationen vor uns. Rituale gehören uns allen und sind nicht an Religionen gebunden“, stellt Tanja Totzeck in Gesprächen mit ihren Kunden fest. Sie geht mit ihnen meist in die Natur. Das Spiel mit Wasser, Wind, Erde und Stein lässt viel Platz für eine kreative Gestaltung. Als einer ihrer Kunden eine schmerzhafte Trennung hinter sich hatte, unternahm sie mit ihm eine Ritualwanderung durch den Wald mit mehreren Stationen. Sie schrieben auf ein Stück Papier eine Botschaft, falteten daraus ein Schiffchen und ließen es auf einem Bach fahren, begruben Erinnerungsstücke oder hängten sie an einen Baum. „Die Schatzkiste, um eigene Rituale zu erfinden, ist riesig.“


Abschied und Neuanfang

Nach einem Fehlschlag, einer Kündigung oder Scheidung fühlen wir uns oft ohnmächtig. „Statt hilflos im Kummer zu verharren, können wir uns mit solchen symbolkräftigen Ritualen ein kleines Stück weit selbst befreien. In solchen Situationen haben Rituale durchaus einen therapeutischen Effekt, um Abstand zu gewinnen und das große Ganze zu sehen. Das Loslassen, Trauern und die Rückkehr in den Alltag fallen leichter“, erklärt Tanja Totzeck. Rituale sind aus ihrer Sicht ein Werkzeug, um mit Umbrüchen besser klarzukommen und Vergangenes zu würdigen. „Es geht darum, eine Lebensphase bewusster zu beenden und etwas Neues zu beginnen – mit weniger Angst.“

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Hochbegabte Kinder brauchen viel Unterstützung

Hochbegabtes KindHochbegabung hat zwei Seiten: Intelligenz wünscht sich jeder, doch wer zu viel davon hat, kann auch einsam sein oder verkannt werden. Wie wichtig es ist, hochbegabte Kinder richtig zu fördern und zu begleiten, zeigt eine Reportage für t-online.

 

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Hochbegabte Kinder brauchen viel Unterstützung


Hochbegabtes Kind

Tim brachte sich mit zweieinhalb Jahren das Lesen und mit vier Jahren selbst das Einmaleins bei. Der inzwischen siebenjährige Junge hat einen IQ von mehr als 130. Wenn bei Kindern wie Tim die Hochbegabung früh genug erkannt wird, kann die Schullaufbahn in richtige Bahnen gelenkt werden. Doch Experten warnen: Der IQ umfasst nur einen Teil der Begabung eines Kindes, viele Faktoren spielen hinein.

Von einem Tag auf den anderen fing Tim einfach an zu lesen. Er war zweieinhalb Jahre alt und schaute sich ein Bilderbuch mit kurzen Texten an. Plötzlich sagte er entrüstet: "Mama, da steht Hirsch, aber auf dem Bild ist doch ein Elch." Mit vier Jahren konnte Tim dann ohne Zutun seiner Eltern flüssig lesen. Er rechnete im Zahlenraum bis 1000 und fing an, Maßeinheiten umzurechnen.

Ab einem IQ von 130 gilt ein Mensch als hochbegabt

Tim gilt als hochbegabt und gehört damit zu den rund zwei bis drei Prozent unserer Bevölkerung, die einen IQ über 130 haben, denn so wird die intellektuelle Hochbegabung gemessen. Doch Wissenschaftler wissen inzwischen, dass der IQ allein nicht das Maß aller Intelligenz ist. Das Zusammenspiel von Leistungsmotivation und Frustrationsgrenze, Kreativität und Ausdauer, aber auch das soziale und familiäre Umfeld und viele andere Faktoren befähigen das Kind erst, sein Potential zu entfalten und auszuleben.

Wissenshunger und Perfektionismus

Als die Eltern von Tim das Ergebnis des Intelligenztests erfuhren, war es keine Überraschung. Sein unstillbarer Wissenshunger oder seine ausgeprägte Sensibilität sind nur einige von vielen Merkmalen für Hochbegabung. "Tim ist in bestimmten Dingen, die ihm wichtig sind, ein Perfektionist. Gelang früher etwas nicht exakt nach seiner Vorstellung, schlug der Tatendrang schnell in Wut um", erinnert sich Tims Mutter. Noch heute sortiert er gern Stifte nach Farben oder Dinge nach Arten und Größen.

Viele hochbegabte Kinder leiden unter ihrem ausgeprägten Perfektionismus. Oder sie merken, dass sie anders sind, tauchen in eigene Welten ein und können mit Gleichaltrigen wenig anfangen. Sie suchen den Kontakt mit Älteren. Auch Tim hatte am Anfang wenig Interesse an den anderen Kindern im Kindergarten, zu groß waren die Unterschiede. Inzwischen spielt er mit seinen Freunden aus der Nachbarschaft gern Playmobil, liebt Ballspiele oder geht zum Fußball, wie jeder andere Junge in seinem Alter auch.

Hochbegabung lässt sich nicht antrainieren

Nicht jedes hochbegabte Kind hat einen so geraden Weg wie Tim. Bei manchen fällt die Hochbegabung spät auf, bei vielen auch gar nicht. Man geht davon aus, dass nur jeder dritte Hochbegabte in Deutschland von seiner Anlage weiß, die sich nicht ausschließlich genetisch oder sozial erklären lässt. Man kann sie auch nicht durch eine frühkindliche Förderung oder ein Gehirnjogging antrainieren.

"Heute weiß man, dass sich die Vernetzung im Gehirn bereits im Babybauch entwickelt", erklärt Sabine Meier, die in ihrer Praxis in Ismaning bei München mit hochbegabten Kindern arbeitet, IQ-Tests und Elterncoaching anbietet. Sie war Leiterin eines Kindergartens für hochbegabte Kinder und studierte danach Pädagogik und Psychologie.

Entwicklungsphasen werden übersprungen

Für eine Einschätzung der Hochbegabung braucht sie ein Entwicklungsscreening. Dafür verfassen die Eltern einen Lebenslauf von ihrem Kind. Wie war die Geburt? War das Kind ein Schreibaby? Wie entwickelte es sich motorisch? Denn viele "fitte" Kinder, so umschreiben Experten gern Hochbegabung, überspringen Entwicklungsstufen.

"Manche können bereits mit vier Monaten mit Daumen und Zeigefinger greifen." Diesen sogenannten Pipettengriff beherrschen in der Regel erst Einjährige. Die rasante Entwicklung kann zu Problemen führen: Lässt ein Kind zum Beispiel die Krabbelphase aus, wird es später kaum einen Pferdchensprung können. Voreilig wird es dann zum Ergotherapeuten geschickt.

Der IQ ist nur ein mathematisches Konstrukt

Nach dem Screening folgt der IQ-Test, der erst ab dem fünften Lebensalter Sinn hat. Nach exakten Anweisungen müssen die Kinder Muster nachlegen oder logische Bildkonzepte unter Zeitdruck erkennen. "Der Wortlaut der Fragen muss genau stimmen." Da der Durchschnitts-IQ der Gesamtbevölkerung stetig steigt, werden die Tests alle paar Jahre angepasst.

Meier sieht die Fokussierung auf den IQ sehr kritisch: "Die Lehrer sehen nur die Zahl, doch beim IQ geht es um eine reine kognitive Intelligenztestung. Es ist ein mathematisches Konstrukt." Der Blick auf das Kind sollte immer ausschlaggebend sein.

Hochbegabte müssen das Ausblenden von Reizen lernen

Ist die Hochbegabung nicht bekannt oder wird nicht darauf eingegangen, kann das in der Schulzeit zu Problemen wie häufiger Schulwechsel, Mobbing und Konflikten mit den Lehrern führen. Trotz guter Noten werden Desinteresse im Unterricht oder auffälliges Verhalten kritisiert. Manche Kinder sind so unruhig, dass voreilig die Diagnose ADHS gestellt wird. Viele haben einen langen Leidensweg von einer Therapie zur anderen hinter sich.

Es können unbewusste Verhaltensmuster wie Nagelkauen, Stampfen mit den Füßen oder Reiben mit den Händen entstehen. "Das Gehirn arbeitet ständig auf Hochtouren, die Spannung muss sich motorisch, körperlich oder emotional entladen", vermutet Meier. Viele Kinder sind zudem sehr hör- und geruchsempfindlich. "Diese Kinder müssen das Ausblenden erst mal lernen."

Unterforderung und Wiederholungen langweilen hochbegabte Kinder

Die Eltern haben viele Fragen, wenn es um die Schullaufbahn geht. Welche Schule bietet den richtigen Anreiz? Ist das Überspringen der Klassen wirklich die einzige Lösung? Und wo findet sich eine sinnvolle Förderung? Eine Herausforderung im Schulalltag ist das Wiederholen des Lernstoffs, denn Hochbegabte erfassen auf den ersten Blick und lernen schneller die Methodik. Sie langweilen sich, erledigen deshalb keine Hausaufgaben oder lassen sich gern ablenken.

Manche Kinder verrennen sich so im Detail, dass in Prüfungen die Zeit nicht reicht. Meier kennt diese Probleme aus eigener Erfahrung, sie hat zwei hochbegabte Töchter im Jugendalter. "Solche Kinder brauchen immer klare Vorgaben. Sie müssen auch lernen, Pflichten zu übernehmen."

Eine normale Schule ist oft die beste Entscheidung

Die Schulwahl ist ein großes Thema für Familien mit hochbegabten Kindern. Auch Tims Eltern überlegten lange, ob sie ihn in eine internationale Schule nach Augsburg schicken sollten, doch letztendlich entschieden sie sich für eine normale Grundschule in ihrer Heimat bei Augsburg. Tim wurde ein Jahr früher eingeschult. Er hat eine engagierte Klassenlehrerin, die dem Siebenjährigen das Gefühl vermittelt, nicht anders zu sein. Zudem hat Tim noch einen weiteren hochbegabten Klassenkameraden, so ist er nicht allein, wenn die Lehrerin ihm Sonderaufgaben gibt.

"Schule ist das beste auf der Welt", freut sich Tim. "Wenn wir in Heimat- und Sachkunde ein neues Thema anfangen, fragt mich gleich am Anfang die Lehrerin, was ich denn so weiß." Inzwischen besucht Tim die zweite Klasse und er hat bis jetzt in den Hauptfächern kaum etwas gelernt, was er vorher nicht wusste. "Er könnte problemlos noch ein Jahr überspringen, doch das wollen wir nicht, denn dann wäre er mindestens zwei Jahre jünger als seine Klassenkameraden. Zudem fühlt er sich in seiner Klasse sehr wohl."

Auch hochbegabte Kinder brauchen Lernstrategien

Nicht immer läuft es so glatt. Von einem hochbegabten Kind werden oft Bestnoten erwartet. Das ist ein Trugschluss. "Meist mit Beginn der zweiten Fremdsprache stellt sich der Erfolg nicht mehr bei jedem hochbegabten Kind mühelos ein. Es kann zum Abfall der Noten kommen, denn irgendwann reicht es nicht mehr, nur etwas durchzulesen", erklärt Barbara Saring vom bayerischen Regionalverband der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK). "Rund jedes zehnte hochbegabte Kind ist ein sogenannter Minderleister, es bleibt unter seinen intellektuellen Fähigkeiten und bewegt sich in der unteren Hälfte des Notenspiegels." Es hat keine richtige Lernstrategie entwickelt, sondern sich auf sein Potenzial verlassen.

Manche Eltern reagieren mit Angst und Unsicherheit

Die DGhK wurde Ende der 70er Jahre gegründet und hat inzwischen bundesweit rund 10.000 Mitglieder. Der Verband organisiert Elterngruppen, Beratungen, Kurse und Vorträge für Lehrer, Pädagogen, Eltern und hochbegabte Kinder. Auch Tims Eltern sind Mitglied.

Steht die Hochbegabung fest, empfinden einige Eltern das Testergebnis als Belastung, manche weinen sogar. Sie haben Angst davor, dass sich die Familiensituation ändert. Wie wird das Umfeld reagieren? Darf man es überhaupt erzählen? "Man sollte sehr sorgsam mit dem Thema umgehen", rät Saring. "Die wichtigste Frage sollte immer sein, ob mein Kind glücklich ist."

Tim braucht viel Aufmerksamkeit und wenig Schlaf

So sehr sich manche Eltern ein intelligentes Kind wünschen, der Alltag kann sehr anstrengend sein. "Tim hat die ganze Familie in Atem gehalten. Alle mussten ihm stundenlang vorlesen, mit ihm spielen und ihm ständig neue Anreize bieten. Er ist immer noch sehr fordernd", erzählt die 38-jährige Mutter. Und wie viele andere hochbegabte Kinder braucht Tim weniger Schlaf. Wenn er frühmorgens aufwacht und seine Eltern noch schlafen, besucht er einfach den Opa, der im selben Haus wohnt.

Auch sehr intelligente Kinder und Jugendliche müssen sich selbst finden. Hochbegabte werden nicht automatisch Topmanager oder Harvard-Professor. Studien belegen, dass die meisten Allerweltsberufe wählen, von der Krankenschwester bis zum Ingenieur. Der kleine Tim will "irgendwas mit Tieren" machen, wenn er mal groß ist. So wie viele Kinder in seinem Alter auch.

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