MEDIZIN

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Der Blick in unseren Körper fasziniert mich und erschreckt mich gleichermaßen. Es ist ein extrem ausgeklügeltes System, das unseren Lebensmotor am Laufen erhält. Kleinste Störungen bringen das Gleichgewicht ins Wanken, und Krankheiten können ganze Familien betreffen und Existenzen aushebeln. Diese Schicksale machen mich nicht nur betroffen, sondern die Begegnungen und Gespräche mit Erkrankten zollen mir auch viel Respekt und Demut ab. Die Geschichten zeigen, was unsere Ärzte und die Medizin heute alles zu leisten vermag.

 


Der Kampf ums Leben

Organspende_1In den vergangenen Jahren habe ich oft über das Thema "Organspende" geschrieben. Das Schicksal von Marc hat mich besonders bewegt. Er ist erst 15 Jahre alt und hat einen enormen Lebenswillen. Er lebt mit einem Kunstherz und wartet auf ein Spenderherz, genau wie Tausende anderer Patienten in Deutschland.

 

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Der Kampf ums Leben


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Marc ist erst 15 Jahre alt. Er will leben, doch sein Herz und die Nieren funktionieren nicht mehr. Er hat ein Kunstherz und wartet auf ein Spenderherz, genau wie Tausende anderer Patienten in Deutschland. Doch seit den Transplantationsskandalen sinkt die Zahl der Organspender stetig. Alternativen sind gefragt, denn die Wartelisten werden immer länger. Allerdings sind die aktuellen Forschungsansätze umstritten. Doch seit den Transplantationsskandalen sinkt die Zahl der Organspender stetig. Alternativen sind gefragt, denn die Wartelisten werden immer länger. Allerdings sind die aktuellen Forschungsansätze umstritten. Das Verpflanzen von Organen war immer schon eine Frage der medizinischen Machbarkeit und ethischen Grundsätze.

Als Marc vor zwei Jahren unter Übelkeit und Schwäche litt, vermuteten die Eltern nicht, dass ihr Sohn eine lebensbedrohliche Krankheit haben oder gar innerhalb kurzer Zeit auf der Warteliste für ein Spenderherz stehen könne. „Wir dachten an einen verschleppten Infekt“, erinnert sich Claudia V., die Mutter des heute 15-Jährigen. Der Junge hatte zwar bereits seit Jahren einen Herzschrittmacher, doch die eigentliche Ursache dieser Beschwerden war eine unerkannte Herzmuskelschwäche, die sehr selten vorkommt.

Marc wurde im März 2013 öfter operiert. Nach einem Multiorganversagen rangen die Ärzte wochenlang um sein Leben. „Die inneren Einblutungen verfärbten seine Haut bläulich“, erzählt Claudia V. Der Junge überlebte nur knapp; ihm wurde ein Kunstherz in die linke Herzkammer eingesetzt. Von dort wird sein Blut nun über einen Rotor in den Körperkreislauf gepumpt. Die Energie dafür liefern große Akkus, die sich außerhalb des Körpers in einem Rollkoffer befinden. Darüber hinaus muss Marc zur Dialyse, denn seine Nieren arbeiten nicht mehr. Irgendwann wird er auch eine Spenderniere brauchen.


In Deutschland warten über 800 Patienten jährlich auf ein Spenderherz

Ein Jahr lang lag der Teenager im Krankenhaus, die Stabilisierung seines Gesundheitszustands war ein ewiges Auf und Ab – eine unfassbare emotionale Belastung für die Familie. „Mal ging es zwei Schritte vorwärts, dann wieder drei rückwärts“, erzählt die Mutter. Als das Immunsystem ihres Jungen so geschwächt war, dass sich seine Eltern nur noch im Schutzanzug nähern konnten, kam das Ethikteam des Krankenhauses auf sie zu: Was könne man einem Kind zumuten? Wann müsse man darüber nachdenken, die Maschinen abzustellen? Ihr einziger Gedanke war: „Nein, mein Kind wird leben!“ Als Marc nach Monaten von der Intensivstation verlegt wurde, ging es langsam bergauf. „Er wollte mit mir gleich ein Spiel spielen. Ich war überglücklich.“

Marc hat es inzwischen geschafft: Seit einem Jahr ist er wieder zu Hause. Als erster Jugendlicher mit einem Kunstherz in Deutschland kann er in seinem eigenen Zimmer schlafen, doch er muss rund um die Uhr betreut werden. Eine durchsichtige Plastikkugel liegt auf dem Bauch des Jungen, angeschlossen an zwei Schläuchen, die in den Brustraum gehen. So kann man sehen, wie das Blut fließt. Claudia V. nennt die Kugel „Perle“; mehrmals täglich kontrolliert sie, ob sich ein Gerinnsel gebildet hat, regelmäßig überprüft sie die Kabelaustrittsstellen auf Infektionen. Jetzt bleibt das Hoffen auf ein Spenderherz. Wie Marc warten mehr als 800 Patienten in Deutschland jährlich auf den erlösenden Anruf, der ihnen mitteilt, dass ein Spenderherz für sie bereitsteht. Doch nicht einmal die Hälfte erhält eine Transplantation, da es zu wenige Spender gibt. „Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, denken wir, das Krankenhaus ruft an und es geht jetzt los“, beschreibt die Mutter das Warten.

Vor einigen Jahrzehnten noch hätte es keine Hoffnung für Marc gegeben. Die Organtransplantation ist erst seit rund 40 Jahren eine realistische medizinische Option. Eine der ersten Transplantationen wurde 1945 in Boston durchgeführt: Damals transplantierte das Ärzteteam um Dr. David Hume unter widrigen Umständen einer 29-jährigen Frau mit akutem Nierenversagen das Organ einer gerade Verstorbenen. Dazu wurde die Niere außerhalb des Körpers in ein Gefäß in der Armbeuge eingesetzt. Nur vier Tage lang konnte sie ihre Arbeit verrichten, jedoch lange genug, damit sich die eigenen Nieren der Patientin erholen konnten. Die junge Frau verließ gesund das Hospital. Operationen wie diese zeigten, dass eine Verpflanzung grundsätzlich möglich war.


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Im Jahr 1967 die erste Herztransplantation

„Die Idee, fehlende Körperteile oder schwer geschädigte Organe durch Transplantation zu ersetzen, bewegt die Menschen seit jeher“, sagt der Freiburger Medizinethiker Prof. Giovanni Maio. „Der Durchbruch in der Transplantationsmedizin hing jedoch davon ab, ob es gelingen würde, die Immunabwehr so weit zu überlisten, dass auch genetisch unterschiedliches Spendermaterial verwendet werden konnte“, erklärt Maio. „Seit mehr als 35 Jahren wird nun das Immunsuppressivum mit dem Wirkstoff Cyclosporin eingesetzt,der verhindert, dass der Organismus Spenderorgane abstößt, ohne das Immunsystem komplett lahmzulegen“, beschreibt Maio das Verfahren. Diese Vorgehensweise ermöglicht eine hohe Überlebenschance.

Die bis heute wohl bekannteste und auch am meisten diskutierte Transplantation fand am 3. Dezember 1967 statt: Der Südafrikaner Christiaan Barnard wagte sich damals an die Transplantation eines Herzens. Als eine 25-Jährige vor dem Krankenhaus in Kapstadt überfahren wurde, entnahm er das Herz der Frau und transplantierte es dem Patienten Louis Washkansky. Der Mann überlebte 18 Tage. Barnard wurde über Nacht berühmt, weltweit wurden seitdem mehr als 80.000 Herzen transplantiert. Doch der Eingriff war umstritten: Hatte der Arzt übereilt und fahrlässig gehandelt? Hatte er aus Ehrgeiz das Leben seines Patienten aufs Spiel gesetzt?

Dies entfachte eine Debatte, die bis heute anhält. „Es wurde diskutiert, ab welchem Zeitpunkt der Mensch überhaupt tot ist. Ist er als tot zu bezeichnen, wenn sein Herz stillsteht? Oder aber ab dem Moment, in dem das Gehirn keine Befehle mehr geben kann?“, schildert der Medizinethiker die Problematik. „Aus einem Leichnam kann man keine transplantierbaren Organe entnehmen“, erklärt Prof. Maio weiter. „Aber die moderne Medizin macht es möglich, Menschen noch lange künstlich zu beatmen und die Herztätigkeit aufrechtzuerhalten, auch wenn das Hirn nicht mehr funktioniert.“

1968 erklärte eine Kommission von Wissenschaftlern der Harvard University, dass der Tod des Menschen mit dem Hirntod einsetze. Seitdem gilt diese Definition fast weltweit als ausschlaggebend für eine Organspende und die Vitalfunktionen eines Hirntoten werden so lange aufrechterhalten, bis geklärt ist, ob er als Spender zur Verfügung steht.


Die Angehörigen des Spenders entscheiden

Trotz klarer Vorgaben bleiben letzte Zweifel: „Viele ethische Fragen sind ungeklärt“, sagt Medizinethiker Maio. Wichtig sei, dass die Angehörigen der Spender in dieser Phase betreut würden. Denn es sei schwer, Abschied von einem Menschen zu nehmen, der zwar definitorisch für tot erklärt worden sei, aber noch lebendig aussehe. „Die Sorge der Angehörigen ist groß, dass bei Organspendern die Geräte schneller ausgeschaltet werden als bei anderen“, schildert Prof. Josef Briegel die Ängste. Briegel arbeitet als Transplantationsbeauftragter des Klinikums Großhadern in München. Seine Aufgabe ist es, den Sterbeprozess des Hirntoten zu begleiten und gemeinsam mit den Angehörigen herauszufinden, ob der Verstorbene eine Organspende befürwortete oder nicht. Jedes Krankenhaus ist gesetzlich verpflichtet, einen solchen Transplantationsbeauftragten einzusetzen, denn nur in acht Prozent der Fälle liegt ein Organspendeausweis vor. „Meist wurde nicht einmal in der Familie darüber gesprochen“, erzählt Briegel. „Es wäre wünschenswert, dass sich jeder von uns einmal im Leben mit dem Thema Organspende auseinandersetzt.“ Letztendlich haben die Angehörigen das letzte Wort, auch wenn ein Ausweis vorliegt.

Wurde der Hirntod definitiv festgestellt und haben sich die Angehörigen für eine Organspende entschieden, wird die Organvermittlungszentrale Eurotransplant in den Niederlanden informiert. Sie vergleicht Merkmale wie die Blutgruppe und den Gewebetyp des Spenders und des Empfängers ab. Die Organe werden dann gemäß der Dringlichkeit an die Patienten auf der Warteliste vergeben. Dem europäischen Verbund sind neben Deutschland noch sieben weitere europäische Länder angeschlossen.

Nach dem Abgleich und der Vergabe übernimmt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Sie regelt seit 1984 hierzulande den organisatorischen Ablauf einer Organspende, unter anderem den Transport der gespendeten Organe zu einem der 50 Transplantationszentren in Deutschland. Sie klärt außerdem die Bevölkerung auf, denn die Bedenken sind enorm.


Über die Aufnahme auf die Warteliste entscheiden inzwischen mindestens drei Ärzte

Die Zurückhaltung der Deutschen ist größer denn je, Transplantationsskandale an mehreren deutschen Kliniken haben das Vertrauen der Bürger erschüttert. So sollen 2012 Mediziner in Göttingen, Regensburg, München und Leipzig Krankenakten gefälscht haben, um ausgewählte Patienten bevorzugt mit Spenderorganen zu versorgen. Die Folge: 11.000 schwerkranke Menschen warten auf ein Spenderorgan, doch 2013 gab es nur 876 Organspender – ein historischer Tiefstand. 2012 waren es noch knapp 1.046 Organspender.

„Nach den Manipulationen an den Wartelisten wurde unter anderem das Transplantationsgesetz reformiert“, erklärt Christine Gehringer, Sprecherin der DSO. „Für falsche Angaben zu Patienten, die auf ein Organ warten, drohen Geldstrafen oder Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren. Die Transplantationszentren werden seitdem strenger kontrolliert als je zuvor. Intensive Kontrollen sorgen für Transparenz und über die Aufnahme auf die Warteliste entscheiden inzwischen mindestens drei Ärzte und nicht mehr nur einer. Zusätzlich wurde eine unabhängige Vertrauensstelle zur Meldung von Auffälligkeiten und Verstößen gegen das Transplantationsrecht eingerichtet.“


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Noch zeigt sich kein Effekt auf die Organspendebereitschaft; Alternativen sind gefragt. Zwar werden – etwa bei schwerer Herzinsuffizienz – in Deutschland jährlich rund 1.000 Kunstherzen eingesetzt, doch sind diese mechanischen Pumpen kein Organersatz, sondern lediglich eine Methode, um die Wartezeit bis zu einer Herztransplantation zu überbrücken. Allerdings: „Wenn keine Komplikationen auftreten, arbeiten Kunstherzen heute schon mehrere Jahre sehr zuverlässig“, weiß Dr. Sebastian Rojas von der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover. „Bei Menschen, die aufgrund ihres Alters oder des Gesundheitszustands nicht mehr transplantiert werden können, stellen sie die Endtherapie dar. Wir gehen aber davon aus, dass Kunstherzen in absehbarer Zeit zehn oder gar zwanzig Jahre lang halten“, prognostiziert Rojas. Einer seiner Patienten lebt mittlerweile seit fast neun Jahren mit diesem herzunterstützenden System.


Präventive Gesundheitsförderung als Ausweg

Um die Notlage in der Transplantationsmedizin zu entschärfen, wird nach Alternativen zur Organtransplantation gesucht. So erforschen Wissenschaftler aus ganz Deutschland an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, inwieweit Organe von Tieren menschliche Organe ersetzen könnten. Bei der sogenannten Xenotransplantation, der Übertragung von tierischen Zellen, Geweben und Organen auf den Menschen, müssen die Tierorgane genetisch so verändert werden, dass der menschliche Körper sie akzeptiert. Dabei handelt es sich um ein langfristiges, kostspieliges und kontrovers diskutiertes Projekt. Zudem gibt es Bedenken verschiedener Art und viele ethische Fragen, die innerhalb der Gesellschaft diskutiert werden müssen. Auch die rechtlichen Aspekte bedürfen einer vorherigen Klärung. „Es gibt ethische Probleme, die nicht kleinzureden sind“, bestätigte jüngst der Sprecher des Projekts, der renommierte Herzchirurg Prof. Bruno Reichart, in einem Fernsehinterview.

Ähnliches trifft auf die Züchtung von Gewebe und Organen zu. Nachgezüchtete Knorpel aus körpereigenen Zellen des Patienten wurden zwar bereits mehreren tausend Menschen implantiert, doch die Nachzüchtung von funktionsfähigen Organen ist weitaus aufwändiger – und höchst umstritten. Die Wissenschaft arbeitet zudem an der Nutzung adulter Stammzellen. Dabei werden teilungsfähige Zellen aus Organen isoliert, die sich zu unterschiedlichen Zelltypen weiterentwickeln können. Doch: „Alle Verfahren sind ethisch umstritten und stellen aufgrund ihres experimentellen Charakters derzeit keine Alternative dar“, urteilt Thorsten Galert, Bioethiker am Bonner Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften.

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Die Zunahme degenerativer und autoimmuner Erkrankungen, eine höhere Lebenserwartung und die vermehrte Einnahme organschädigender Medikamente werden die Wartelisten für Spenderorgane noch weiter verlängern. Stimmen werden laut, die mehr präventive Gesundheitsförderung fordern. So führt beispielsweise die Volkskrankheit Diabetes zu mehr Dialysepatienten, die auf eine Spenderniere warten.


Die aktuelle Organspendekampagne: „Ich entscheide. Informiert und aus Verantwortung.“

In anderen Ländern geht man das Problem offensiv an: In den USA führte eine massive Aufklärungskampagne dazu, dass fast jeder Dritte offiziell dazu bereit ist, seine Organe zu spenden – das sind mehr als 100 Millionen Menschen. Jeder, der in den USA einen Führerschein beantragt oder neu ausstellen lässt, wird zum Thema Organspende befragt. Spendewillige signalisieren mit einem kleinen roten Herz im Dokument ihre Organspendebereitschaft. In einigen Bundesstaaten erhalten Bürger sogar Steuervorteile bei einer Lebendorganspende.

Ähnlich wie in den USA muss in Deutschland die Zustimmung zur Organspende zu Lebzeiten erfolgen. In Österreich, Spanien oder Italien hingegen gilt die sogenannte Widerspruchsregelung. Das heißt: Bei jedem Verstorbenen dürfen nach dem Hirntod Organe entnommen werden, es sei denn, es liegt eine Widerspruchserklärung des Patienten vor.

In Deutschland baut man auf Aufklärung. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) stellte anlässlich des Tags der Organspende am 7. Juni eine neue Organspendekampagne vor unter dem Motto: „Ich entscheide. Informiert und aus Verantwortung.“ Das Ziel sei es, so Gröhe, „möglichst viele Menschen dafür zu gewinnen, einen Organspendeausweis zu tragen“.

Familie V. wartet indes weiter auf ein passendes Herz. „Nur wenn genügend Menschen bereit sind, ihre Organe zu spenden, dann hat unser Sohn eine größere Chance auf ein normales Leben“, erklärt die Mutter von Marc. Endlich ohne Schläuche, Akkus und ständige Aufsicht einfach mal wieder Tischtennis spielen oder mit Freunden ins Freibad gehen – das ist Marcs Wunsch für die Zukunft.
Bettina Rackow-Freitag

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Das Minilab

Das MinilabFür die Agentur McCann habe ich ein 100seitiges Heft nur zum Thema Medikamentenfälschungen im Team produziert. Während der Recherchen habe ich viele besondere Menschen getroffen. Dazu gehört Richard Jähnke. Er hat ein Minilabor für die Erkennung von gefälschten Medikamenten entwickelt, das in jedem Winkel der Erde auch ohne Strom funktioniert. Es rettet Leben und besteht aus zwei robusten Koffern.

 

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Der Kampf ums Leben


Das Minilab


Das Gepäck von Richard Jähnke rettet Leben und besteht aus zwei robusten Koffern, voll mit Messgeräten, UV-Lampen, Chemikalien und Reagenzgläsern. Es nennt sich Minilab und dient dazu, Medikamentenfälschungen mit einfachen Schnelltests zu erkennen.

Das Minilab


Vor 15 Jahren entwickelte der Projektleiter des Global Pharma Health Fund (GPHF), eine gemeinnützige Initiative des Chemie- und Pharmaunternehmens Merck Darmstadt, das transportable Kompaktlabor. Seitdem reist er kreuz und quer in die ärmsten Regionen der Welt, baut Analyse-Camps auf, gibt Schulungen und berät Behörden. Der Erfolg: Mehr als 350 Minilabs in 70 Ländern sind im Einsatz.

Das Flugzeug holpert über die Landepiste von Dschuba, der zukünftigen Hauptstadt des Südsudan. Über Lehmstrassen geht es weiter zum Camp der Vereinten Nationen. Es ist eine Containersiedlung, eingeschlossen von Mauern und Stacheldraht. Hier nimmt Richard Jähnke seine Minilab-Koffer vom Pick-Up. Rund sechs Tage hat er nun Zeit, fünf Pharmazeuten aus dem Land beizubringen, wie sie mit dem mobilen Kleinlabor am effektivsten arbeiten können. „Ein einfacher Reagenzglastest war für viele in der Schulung ein absolutes Novum“. Nach den ersten Testläufen kommt bereits Euphorie unter den Teilnehmern auf. Sie merken, mit dem Minilab können sie einfach und schnell gefälschte Malariamittel entlarven. Denn diese werden in Ländern wie dem Südsudan extrem oft gefälscht und bringen doppeltes Verderben. Wirkstoffarme oder -freie Pillen treiben die Erkrankten nicht nur in den Tod, sie gefährden auch die Therapieerfolge selbst so innovativer Malariamittel wie Artemether, Artesunat oder Mefloquin und fördern die Resistenz malariaverursachender Plasmodium-Stämme. Die GPHF-Koffer kommen deshalb auch an den Grenzposten zu Kenia und Uganda oder auf dem Flughafen zum Einsatz, um importierte Fälschungen schon herauszufiltern, noch bevor Sie die Patienten ueberhaupt erreichen koennen . Für Jähnke ist das aber nur ein Anfang: »Das Minilab hilft akut wie eine Feuerwehr, aber es ist nicht die Lösung.«

„Counterfeit Medications“ sind ein systemisches Problem in den Entwicklungsländern. Unter anderem fehlende Finanzierungsinstrumente wie eine allgemeine Krankenversicherungen, und nicht vorhandene Kontrollmechanismen, aber auch zu wenig Apotheken und geschulte Fachkräfte ermöglichen den Fälschern erst ihren Handlungsspielraum. Richard Jähnke bekam auf seinen Einsätzen viel Einblick in die zum Teil sehr prekaere Versorgungslage: „In Gambia zum Beispiel, einem Land mit 1,6 Millionen Einwohnern, gibt es drei Großhändler mit vielleicht fünfzig Apotheken, von denen nur 10 Prozent mit Apothekern und der Rest mit Krankenschwestern besetzt sind. Die wenigen noch vorhandenen Ärzte sind Zivildienstleistende aus Kuba. Auch in Kambodscha trafen wir nur auf Apotheken ohne pharmazeutisches Personal. Das Pol Pott Regime schickte alle Intellektuellen und Akademiker in die Landwirtschaft oder ließ sie ermorden. Auch fehlt es Ländern wie Afghanistan und Somalia die komplette medizinisch-pharmazeutische Infrastruktur.

Oftmals wird in den Entwicklungslaendern auch die medizinische Versorgung nicht immer durch Logik oder Nachfrage gelenkt. „Entscheidungen werden in diesen Regionen der Welt mehr personen- als sachorientiert getroffen. Reiche Familien sind einflussreich. Da kann der Vater schon mal Großhändler sein und die Tochter in der Arzneimittelbehörde sitzen. Gegenseitige Kontrolle, das Gesetz von Check and Balance wird praktisch ausgehebelt. Informationen wie über Fälschungen kommen nicht an die Öffentlichkeit, denn sie bleiben in den Familien.“

Zudem gibt es in den ärmeren Ländern des Südens grundsätzlich zu wenig Labore, um Arzneien auf Wirkstoffe und Güte schnell prüfen zu koennen. „In Uganda wurde zum Beispiel mehr als zehn Jahre lang selbst von kirchlichen Einrichtungen gefälschtes Chininpulver ohne Wirkstoff zur Behandlung der zerebralen Malaria, der tödlichsten Form der Malaria, eingesetzt.“ Oft kann es Wochen oder Monate dauern, bis eingeschickte Proben analysiert werden – das ist kostbare Zeit für die Erkrankten. „Diese Lücke kann das Minilab schließen.“ Gut 50 Wirkstoffe aus Antibiotika, Asthma-, Aids- oder TB-Medikamente lassen sich mit einfachen chemischen Tests nachweisen, weitere Messungen und Analysen zum Beispiel über den Zerfall der Tabletten geben weiteren Aufschluss über die Echtheit eines Medikamentes. „Es geht nicht nur allein um die Frage echt oder falsch, sondern auch darum, ob die aufgespürten Fälschungen gefährlich sind oder nicht. Das legt den Handlungsbedarf der Behörden fest.“ Der Inhalt der Koffer reicht für rund 1000 Testläufe. Gerademal zwei Euro kostet umgerechnet ein Test, der vielen Menschen in den Entwicklungsländern das Leben retten kann.

Das Minilab


„Die Koffer sind so konzeptioniert, dass sie in jedes Buschflugzeug passen und im letzten Winkel der Welt funktionieren. Es ist nichts Überflüssiges dabei“, sagt Jähnke. Vom Bleistift ueber die Auswahl wetterbeständiger Chromatographieplatten bis hin zu den sehr leichten UV-Lampen ist alles bis ins letzte Detail durchdacht. „Bei der zweijährigen Entwicklung des Minilabs war das Handbuch die eigentliche Herausforderung“, gesteht der GPHF-Projektleiter. „Ich habe es auf die Sprache eines Rezeptes runtergebrochen und es ist so verständlich wie ein Kochbuch.“ Selbst Halblaien können danach arbeiten. Es wurde bereits in drei Sprachen übersetzt.

Richard Jähnke zählt zu den Veteranen im Kampf gegen Arzneimittelfälschungen. „Es ist der professionelle Ethos und die Ungeheuerlichkeit von Fälschungen, die mich antreiben“, sagt der Pharmazeut, der zwei Jahre lang an der Entwicklung des Minilabs des Global Pharma Health Fund arbeitete. „Damals konnte sich keiner meiner Apothekerkollegen vorstellen, dass es überhaupt gefälschte Medikamente gibt.“ Trotz einiger Rückschläge, sieht Jähnke die gegenwärtige Entwicklung positiv: „Es wurde lange Zeit nur über das Thema Fälschungen geredet. Durch unsere Arbeit mit dem Minilab ist es uns gelungen, viele für dieses Thema zu sensibilisieren und die Augen für die Gefahren bei der Bekämpfung der Malaria und anderer grosser Infektionskrankheiten zu öffnen. Jetzt ist das Bewusstsein auch bei den Behörden angekommen. Es läuft alles in die richtige Richtung“, analysiert Jähnke, der eng mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammenarbeitet.

Bald treibt es Richard Jähnke wieder in die Ferne. Diesmal baut der GPHF in 15 Ländern der westafrikanischen Wirtschaftsunion Analyse-Camps mit bis zu 200 Minilabs auf. „Die Koordination ist eine besondere Herausforderung bei so einem Großprojekt .“ Auch Interpol unterstützt das Projekt finanziell. „Wir rechnen mit einer hohen Motivation, denn die Initiative kommt aus der Region selbst. Das sind die ideale Bedingungen für die Hilfe zur Selbsthilfe.“ Und wie bereits in Südostasien und Ostafrika kann in Westafrika hoffentlich tausenden Menschen das Leben gerettet werden. „Wir waren sehr erfolgreich. Wir arbeiten aber im Vorfeld, deshalb bemerkt keiner es so richtig –typisches Apothekerproblem“, resümiert Jähnke.
Bettina Rackow-Freitag

Vom German zum Global Pharma Health Fund

1985 wurde der German Pharma Health Fund als Initiative der forschenden Arzneimittelhersteller gegründet, fast zeitgleich zur ersten Konferenz der WHO in Nairobi zum Thema Medikamentenfälschungen. Der GPHF förderte Projekte zur Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern mit Aufklärungsprogrammen und einer Arzneimittelnothilfe, die bis heute Modellcharakter haben. Dazu gehörte auch die Entwicklung des Minilabs. Seit 2007 führt nun das Chemie- und Pharmaunternehmen Merck Darmstadt allein die gemeinnützige Minilab-Initiatve als Global Pharma Health Fund mit viel Erfolg weiter. Die Geschäftsstelle ist in Frankfurt (www.gphf.org). Partner sind unter anderem die WHO, IMPACT, das US amerikanische Arzneibuchbüro (USP PQM) oder Management Sciences for Health (MSH). Abhaengig von der Spezifikation, kostet ein Minilab zwischen 3000 und 4000 Euro, die Bestellung und Versandbetreuung läuft über Technologie Transfer Marburg (www.ttm-germany.de).

Erschienen in: Evolution Health, entwickelt im Auftrag von JNB Wiesbaden

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Immunschutz aus der Spritze

ImpfschutzKaum ein Thema polarisiert mehr: das Impfen! Ein kleiner Pieks ohne Nebenwirkung? Oder doch die Ursache für chronische Erkrankungen? Die Geschichte für den Gong hat zumindest bei uns in der Familie viele Debatten ausgelöst. 

 

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Immunschutz aus der Spritze


Impfschutz


Rund 400 Impfstoffe befinden sich weltweit in der Entwicklung –  von Diabetes bis Schuppenflechte. Auch die Zahl der empfohlenen Impfungen steigt, aber auch die Angst vor Nebenwirkungen nimmt zu. Antworten auf die wichtigsten Fragen

Meningokokken, Rotarviren, Windpocken – die Ständige Impfkommission am Robert Koch Institut (STIKO) empfiehlt in den letzten Jahren immer weitere Impfungen, neuerdings auch bei Mädchen gegen humane Papillomviren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Eine gesetzliche Impfpflicht besteht in Deutschland nicht, die Verantwortung liegt beim Bürger selbst. Hier die wichtigsten Fragen und Fakten.

Muss ich mich überhaupt impfen lassen?
Es gibt keine Impfvorschrift. Zurzeit lassen sich jährlich 40 Millionen Deutsche auf eigenen Wunsch impfen. Auch wenn die Europäische Zulassungsbehörde (EMEA) alle Impfstoffe auf Wirkung und Verträglichkeit genau prüft, gibt es immer mal wieder Komplikationen. Und keine Impfung garantiert hundertprozentigen Schutz. Die individuelle Lebenssituation, Reisen in Risikoländer, Wohnen in Zeckengebieten, chronische Krankheiten können trotz Vorbeugung zu einer Infektion führen.

Wie funktioniert eine Impfung?
Beim Impfen wird unser Körper mit winzigen Mengen toter oder abgeschwächter lebender Erreger konfrontiert. Daraus baut unser Immunsystem eine Kartei von Erregerprofilen auf, um bei erneuten Angriffen der Viren oder Bakterien passende Antikörper zu bilden. Impfen liefert unseren Fress- und Gedächtniszellen die dazu nötige Information, ohne dass die Krankheit ausbricht.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?
In jeder Spritze stecken neben den Erregern auch Zusatzstoffe. Beides kann kurzfristig Reaktionen auslösen wie Rötungen und Schwellungen um die Einstichstelle, leichtes Fieber, Müdigkeit, Kopf- oder Bauchweh bis hin zu Erbrechen und Durchfall ist sogar möglich. Auch wenn dies meist selten vorkommt, ist es noch eine normale Reaktion, schließlich wird das gesamte Immunsystem aktiv. Auch sehr abgeschwächte Ausbrüche der Krankheit wie Impfmasern kommen sehr selten Tage nach der Impfung vor. Was wenig bekannt ist: Sie sind trotz Impfung ansteckend! Werdende Mütter und ältere Menschen sollten den Kontakt mit Erkrankten vermeiden. In seltenen Fällen kann es zu schweren Komplikationen kommen. Dazu zählen allergische Reaktionen, Nerven- oder Hirnhautentzündungen bis zu Lähmungen.

Wie oft sollte ich mich impfen lassen?
Erst durch mehrere über Jahre verteilte Basis- und Auffrischungsimpfungen entsteht der Komplettschutz. Der fehlt in Deutschland bei vielen Jugendlichen und erst recht Erwachsenen. Kleinkinder sind hierzulande noch zu 97 Prozent erstgeimpft. Bereits ein Drittel aller Grundschüler hat keine Auffrischungsimpfung für Masern, Mumps und Röteln mehr bekommen. Und die Hälfte aller Erwachsenen über 25 Jahre ist nicht mehr gegen Diphtherie geschützt. Normalerweise gibt der Impfpass einen Aufschluss über den Impfschutz. Wer den Stand seines Impfschutzes nicht kennt, dem kann eine sogenannte Titerbestimmung beim Arzt Klarheit bringen.

Muss ich Angst vor Impfschäden haben?
Mit einer Wahrscheinlichkeit von 1: 10 Millionen ist das Risiko eines bleibenden Impfschadens äußerst gering, es kommt aber auf die Art der Impfung an. Ein Restrisiko bleibt. Langzeitstudien bei der Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln zeigen, dass die Gefahr etwa einer leichten Hirnhautentzündung (Impf-Enzephalitis) bei 1:1 Million liegt. Zum Vergleich: Im Falle einer Masernerkrankung liegt das Risiko bei 1: 1000, also tausendfach höher. Es bleibt eine Frage der individuellen Abwägung.

Können Impfungen Krankheiten ausrotten?
Einzig die Pocken wurden als besiegt erklärt. Jedoch Krankheiten wie Masern, Diphtherie oder Hepatitis kosten weltweit Millionen Menschen das Leben. Erst wenn 90 Prozent der Bevölkerung gegen einen Erreger geimpft oder immun ist, kann man sich in Sicherheit wähnen. Fällt die Durchimpfungsrate darunter können Epidemien entstehen. Röteln oder Windpocken sind auf den ersten Blick nicht dramatisch. Doch steckt sich eine Schwangere an, ist ihr Ungeborenes gefährdet und kann erhebliche Schäden davontragen oder gar sterben.

Impfverbot für chronische Erkankungen wie Asthma oder multipler Sklerose?
Wissenschaftliche Untersuchungen aus aller Welt konnten bisher keine Hinweise für einen Zusammenhang zwischen chronischen Erkrankungen und einer Impfung finden. Doch völlig ausgeschlossen ist es nicht. Bei Asthma oder Lungenleiden hingegen kann eine Grippe- oder Pneumokokken-Impfung sogar lebensrettend sein. Andererseits: Wer an einer Autoimmunkrankheit leidet, sollte sich nur nach Absprache mit dem Arzt impfen lassen.

Wann sollte nicht oder mit Vorsicht geimpft werden?
Ein leichter Schnupfen ist keine Gefahr bei einer Impfung. Doch wer einen stärkeren Infekt hat oder gar mit Fieber im Bett liegt, sollte nach der Genesung noch mindestens zwei Wochen warten. Auch wenn bereits bei einer Impfung Komplikationen aufgetreten sind oder eine Allergie gegen den Impfstoff oder Zusatzstoffe bekannt ist, ist Vorsicht geboten. Bestehen Autoimmunerkrankungen, informieren Sie sich über die Risiken bei Experten und Fachärzten. Der Bundesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft rät regelrecht von Lebendimpfstoffen ab. Totimpfstoffe hingegen sind unproblematischer. Auch wer an fortschreitenden Erkrankungen des Nervensystems leidet, sollte sich genau beraten lassen. Ebenfalls ist bei einer Dauerbehandlung mit Kortisontabletten und Immunsuppressiva Vorsicht geboten. Werdende Mütter sollten sich nicht impfen lassen, außer das ungeborene Baby ist in akuter Gefahr.


Erschienen in: GONG

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KEIN BOCK AUF DIABETES!

DiabetesMillionen Menschen betrifft es in Deutschland – Diabetes! Eine Reportage für die Deutsche Diabetes Gesellschaft über Jugendliche mit der chronischen Erkrankung zeigt, wie wichtig es ist, Patienten in bestimmten Lebensphasen zu begleiten, damit ein Schulalltag und die Ausbildung trotz der Erkrankung funktioniert. 

 

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KEIN BOCK AUF DIABETES!


Impfschutz

IM JUGENDDORF DAS LEBEN MIT DIABETES LERNEN

Bei jedem Teenager steht der Hormonhaushalt kopf. Bei chronisch Kranken mit Diabetes Typ 1 wird es doppelt schwierig, denn häufig spielen in der Pubertät die Blutzuckerwerte auch verrückt. Wenn dann das Krankheitsmanagement nicht mehr richtig funktioniert und Probleme in der Familie und Schule noch dazukommen, tut Hilfe not. Im Christlichen Jugenddorf in Berchtesgaden (CJD) werden diabeteskranke Kinder und Jugendliche in dieser schwierigen Lebensphase begleitet. Hier lernen sie in Wohngruppen den Umgang mit ihrer Erkrankung und sehen neue Lebensperspektiven.

Von seinem Schreibtisch aus kann Mario Eich ins Grüne sehen - und in Ruhe lernen. In wenigen Monaten wird er sein Abitur in der Tasche haben. Endlich! "Es wird Zeit, dass ich auf eigenen Beinen stehe", sagt der 20-Jährige, der seit seiner frühen Kindheit an Diabetes Typ 1 leidet. Täglich fährt er mit dem Bus zum Gymnasium, das malerisch inmitten alpiner Natur liegt - mit Blick auf den Watzmann.

Mario hat ein klares Ziel: Er will Psychologie studieren. Das war nicht immer so. Vor fünf Jahren, als er ins CJD kam, war sein Leben ein Kampf an allen Fronten. Als Teenager begann ihn die mütterliche Kontrolle zu nerven. "Irgendwann habe ich den Diabetes vergessen - mit Absicht wahrscheinlich", erinnert er sich. "Ich habe blind gespritzt, ohne zu überlegen." Die Blutzuckerwerte wurden schlechter, in der Schule ging es bergab und daheim gab es Streit. Der behandelnde Arzt empfahl der Familie das CJD in Berchtesgaden.

Daheim in Tübingen war Mario ein chronisch Kranker unter Gesunden, hier ist er nur einer unter den vielen chronisch kranken Jugendlichen, die im Jugenddorf leben und unter Asthma, Adipositas oder Mukoviszidose leiden. Er braucht sich hier nicht zu erklären, wenn er sich Insul in spritzt - ganz im Gegenteil: "Wir tauschen uns über Blutwerte oder das Handling mit neuen Pumpen aus." Auch seine Freundin, die er im CJD kennengelernt hat, ist Diabetikerin. ,,wir motivieren uns gegenseitig", erzählt er.

Mario lebt mit zehn anderen Jugendlichen in einer Wohngruppe. Im Hauseingang hängt das Schwarze Brett, auf dem neben Infos zu Veranstaltungen eine Liste mit Arztterminen hängt. Bald ist Mario wieder dran. Alle zwei Wochen geht er den kurzen Weg zur Krankenstation, zu Hause musste er 50 Kilometer zum nächsten Diabeteszentrum fahren . "Am Anfang hat mir die aktive Unterstützung enorm geholfen", erinnert er sich an seine ersten Tage im Jugenddorf. "Ich stand sehr unter Kontrolle, musste mich unter Aufsicht messen. Noch heute zeige ich täglich der Krankenschwester mein Tagebuch mit den Blutzuckerwerten."

Rund 70 diabeteskranke Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland leben im CJD Berchtesgaden. Sie bringen meist ein ganzes Bündel von Problemen mit: lange Fehlzeiten in der Schule, eine schwierige Familiensituation, psychische Belastungen wie Depressionen oder ein gestörtes Sozialverhalten. "Auch Kinder mit ADHS kommen zu uns. Blutzuckermessen und Broteinheiten zählen, Insulin spritzen - da ist die Schallgrenze der Konzentration schon lange durchbrochen", erklärt Dr. med. Gerd Schauerte, Fachbereichsleiter für Gesundheit im CJD. Der Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin arbeitet mit einem Team aus Psychologen, Pädagogen, Therapeuten und Diabetesberatern zusammen.

"Meist mangelt es nicht am Wissen über die Erkrankung - ganz im Gegenteil. Es liegt am Durchhalten und Dranbleiben im Krankheitsmanagement. Wie viele andere Jugendliche auch in dem Alter haben sie einfach keinen Bock auf nichts, auch nicht auf Diabetes", erklärt Schauerte. "Ab dem 12. Lebensjahr wird es schwierig. Es mangelt an der Nachmittagsbetreuung für diabeteskranke Jugendliche." Neben dem Jugendamt vermitteln meist Diabeteszentren die Jugendlichen, bei denen die ambulante Therapie an ihre Grenzen stößt. Ein Attest des behandelnden Arztes und ein Antrag auf Eingliederungshilfe nach § 53/54 für den Sozialhilfeträger sind die Voraussetzungen für die Aufnahme. "Der beste Weg ist, sich direkt an unsere Elternberatung zu wenden, denn die Vorschriften sind in jedem Bundesland anders", rät Schauerte.

Durch die Hormonumstellung in der Pubertät wird die Einstellung des Insulinbedarfs schwierig. Die Jugendlichen spritzen zwar nach Vorschrift, doch zeigt dies bei vielen plötzlich nicht mehr die gewünschte Wirkung. Die Folge: Die ständig zu hohen Blutzuckerwerte demotivieren die Jugendlichen. Allein auf medizinischem Wege lässt sich das Problem ambulant schwer lösen. Beim CJD in Berchtesgaden steht deshalb nicht allein das Managen der Krankheit im Vordergrund, sondern auch das Einbetten der Erkrankung ins tägliche Leben. Hier bekommt der Alltag mit Diabetes wieder Struktur, es gibt klare Regeln und feste Mess- und Essenszeiten. Der ritualisierte Ablauf soll in Fleisch und Blut übergehen, um Widerstände abzubauen und einen Ehrgeiz zu entwickeln, das Leben mit Diabetes eigenständig zu meistern. Neben einem kontinuierlichen Verhalten geht es darum, die Jugendlichen für Folgeschäden zu sensibilisieren. In der Regel zeigen sich schon nach drei Monaten messbare Effekte und die Hb1c-Werte sinken - die meisten bleiben aber für ein Jahr im CJD.

Ein Fünf-Stufen-System hilft einzuschätzen, wie viel Freiheit man dem Jugendlichen im Diabetesmanagement lassen kann. Das Ziel heißt: raus aus der Kontrolle hin zur Eigenständigkeit! Mario ist zuversichtlich, sein Leben hat sich in den vergangenen fünf Jahren verändert. "Ich mache zum Beispiel viel mehr Sport als daheim. Hier kann ich meine körperlichen Grenzen im Fitnesstraining unter Kontrolle ausloten. Gerade beim Sport zählt ja die Erfahrung im Umgang mit den Blutzuckerwerten." Er radelt leidenschaftlich gern, geht im Winter auf die Skipiste. Sein Wunsch ist, dass die Forschung und Entwicklung zum Beispiel von noch effektiveren Insulinpumpen schneller vorankommt, damit "die Auswirkungen des Diabetes auf meinen Alltag so gering wie möglich werden."

 

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Emily (2) kam ohne Finger zur Welt

Dass die Geburt eines Kindes ein Wunder ist, wird einem erst bewusst, wenn etwas nicht so läuft, wie wir uns erhoffen. Missbildungen an Händen, Füßen und Beinen sind immer noch ein Tabuthema. Wie Prothesen oder eine Operation das Leben von Kindern mit Fehlbildungen verändern, zeigt die Reportage über die kleine Emily, die ich für t-online und im Auftrag von Süddeutsche Verlag onpact geschrieben habe.

 

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Fehlgebildete Hände

Emily (2) kam ohne Finger zur Welt


Operation oder Prothese? Leiden Kinder an Fehlbildungen der Hand, ist das für Eltern eine schwere Entscheidung. Viele gehen auch zu spät zum Spezialisten.

Die zweijährige Emily aus einem Vorort von Marburg hat seit ihrer Geburt zwei fehlgebildete Hände, die fingerlos sind. Sie trägt bereits eine Beinprothese, da ihr auch der rechte Fuß inklusive Wadenbein fehlt. Jetzt hat sie zudem myoelektrische Handprothesen bekommen, damit sie das Greifen lernen kann.

Grob geschätzt kommt eines von 2000 Kindern mit einer Handfehlbildung auf die Welt. In vielen Fällen kann eine frühzeitige Operation helfen. Eine der wenigen Kliniken für Handfehlbildungen in Deutschland befindet sich im Krankenhaus Marienstift in Braunschweig.

Fehlbildungen wurden im Ultraschall nicht erkannt

Die Eltern von Emily waren voller Vorfreude und Optimismus, als ihre kleine Tochter Emily per Kaiserschnitt geholt wurde. Doch dann kam der Schock: Michael M. wartete nach der OP im Krankenhausgang auf seine Tochter. Als die Schwestern das Neugeborene in einem Inkubator vorbeischoben, streckte es die Ärmchen hoch, an den fehlgebildeten kleinen Händchen fehlten alle Finger. "Es zog mir den Boden unter den Füßen weg", erinnert sich der Vater. Denn kein Arzt hatte die Fehlbildungen an den Extremitäten im Ultraschall erkannt - weder am rechten Bein noch an den Händen.

Die Eltern waren anfangs auf sich gestellt

Emily musste operiert werden, denn sie litt auch an einer offenen Bauchdecke, eine sogenannte Gastroschisis. Als die Eltern endlich mit Emily nach fünf Wochen das Krankenhaus verlassen konnten, waren sie mit den Folgen der Fehlbildungen auf sich allein gestellt. Sie fuhren zu einem Handspezialisten nach Hamburg. Seine Empfehlung war, die Handstummel zu trennen. Das kleine Mädchen hätte dann wie mit einer Zange greifen können.


Die Eltern entschieden sich jedoch dagegen: "Die Erfolgsaussichten waren zu ungewiss und wir wollten Emily die Schmerzen ersparen." Michael M. und seine Frau Jacqueline ließen sich danach von der Firma Otto Bock in Duderstadt - ein weltweit renommierter Hersteller für Prothesen - beraten. Jetzt hat Emily zwei myoelektrische Handprothesen, die ihr individuell angepasst wurden.

Die Prothesen sind technische Wunderwerke

Mit Hilfe der Gipsabdrücke von Emilys Händen konnten die beiden Schafte passgenau gefertigt werden. Die Prothese aus Karbonfaser wird daraufgesetzt - ein kleines technisches Wunderwerk aus Tausenden von Teilen, überzogen mit Silikon. Da Emily wächst, muss der Schaft immer wieder neu angepasst werden. Auch die Prothesen werden über die Jahre zu klein. Bis das Mädchen ausgewachsen ist, braucht sie mehrere neue Handprothesen.

Elektrische Impulse setzen die Hände in Bewegung

Im Schaft sind Elektroden eingebaut, die jede Kontraktion der Unterarmmuskeln wahrnehmen und die elektrischen Impulse auf der Haut weiterleiten und so die Finger der Prothese in Bewegung setzen. "Das erfordert ein hartes Training und ist ein sehr intensiver Lernprozess. Nicht nur Emily musste erstmal den Umgang mit den komplexen Geräten lernen, auch die Eltern brauchten eine Anleitung für die Pflege und das Anlegen der Prothese.

Emily merkte bereits am ersten Tag mit den neuen Prothesen, dass sie die künstlichen Finger bewusst steuern kann und drehte an einem Heizungsschalter herum. "Es war ein bewegender Moment", erinnert sich der Vater. Inzwischen schafft es Emily, sich beim Schaukeln an den Seilen festzuhalten.

Die Gewöhnung dauert Monate

Die Prothese ermöglicht Emily die Grundbewegung des Greifens, den sogenannten Oppositionsgriff. Die Daumenkuppe kann die gegenüberliegenden Fingerkuppen berühren und damit Gegenstände greifen. Bisher trägt Emily die Prothesen nur eine halbe Stunde pro Tag, denn jede Prothese wiegt ein halbes Kilo, weil die Akkus schwer sind. Zudem sind die künstlichen Hände im Verhältnis zum Körper größer. Die Eingewöhnung und der Erfahrungsprozess werden sicher Monate dauern, doch die Eltern sind glücklich mit der Entscheidung: "Wir haben keine Wunder erwartet."

Chance auf Selbstständigkeit

Auch ohne ihre Finger stapelt das kleine Mädchen Holzklötze aufeinander oder klemmt Filzstifte zwischen die Handgelenke, um ein Bild zu malen. Doch irgendwann sollte Emily die Möglichkeit haben, auch kleine Dinge zu halten, damit sie zum Beispiel mit einem Löffel allein essen kann oder es schafft, sich ohne fremde Hilfe anzuziehen, den Reißverschluss an der Jacke zuzumachen oder sich die Zähne zu putzen. Denn jedes Kind will selbstständig werden. Emilys Eltern wollten ihrer Tochter auch die Chance geben, sich ihre Welt mit Händen zu erschließen. "Und je eher wir ihr das ermöglichen, umso leichter wird das Leben für sie", sind die Eltern überzeugt.

Jeder Fall ist einzigartig

Operation, Prothese oder doch lieber Abwarten - wie sollen Eltern sich entscheiden? "Es gibt kein richtig oder falsch", sagt Niels Benatar, Chefarzt in der Klinik für Handchirurgie und angeborene Handfehlbildungen im Krankenhaus Marienstift Braunschweig. "Letztendlich muss man den besten Weg für das Kind finden." Seit mehr als zwanzig Jahren operiert und betreut er Kinder und Erwachsene mit Handfehlbildungen. Das Spezialgebiet erfordert viel Erfahrung, operative Kunstfertigkeit und Intuition.

Leider gibt es nur wenige Spezialisten in Deutschland, manchmal müssen die Eltern Monate auf einen Termin warten. Benatar bekommt täglich Anfragen, auch aus dem Ausland. Die zum Teil verzweifelten Eltern schicken ihm per Mail Fotos, Krankenberichte, Röntgen- oder Ultraschallbilder. Eine Beratung per Internet ist jedoch problematisch und ist ohne vorherigen Arzt-Patienten-Kontakt nicht zulässig. "Es kursieren leider immer wieder Informationen im Internet, die Hoffnungen bei den Eltern schüren, die nicht erfüllt werden können", warnt Benatar.

Die Sorge um die Schmerzen bewegt die Eltern

Für die Eltern sei es oft eine schwere Bürde. Sie nehmen weite Wege auf sich, um mit dem Experten zu sprechen. "Häufig sorgen sie sich um die Schmerzen, die ihre Kinder erleiden müssen." Benatar nimmt sich viel Zeit für die Gespräche und geht mit Feingefühl vor, denn nicht selten fließen auch Tränen. Viele Eltern sind auch auf der Suche nach einem Grund, doch der ist schwer zu finden. Manchmal steckt eine genetische Ursache dahinter, doch häufig handelt es sich schlicht um eine "Laune der Natur".

Häufig haben sich während der embryonalen Entwicklung im Mutterleib zwei oder auch mehrere Finger nicht voneinander getrennt. Der Fachmann spricht dann von einer Syndaktylie. Eine Polydaktylie wird eine Fehlbildung genannt, wenn Daumen oder Finger doppelt angelegt sind. Es können auch Finger wie bei Emily ganz fehlen. Schwierig wird es, wenn mehrere Fehlbildungen zusammenkommen oder Fehlbildungen vom Kinderarzt unerkannt bleiben, weil sie wachstumsabhängig sind und erst in späteren Lebensjahren festgestellt werden können.

Die Nachsorge dauert sehr lange

Haben sich die Eltern für eine Operation entschieden, so sollte sie je nach Fehlbildung so früh wie möglich erfolgen. Denn: "Bei kleinen Kindern ist die Plastizität noch sehr groß, man kann mit einem Skalpell am Knorpel und Knochen wesentlich besser arbeiten als bei Erwachsenen", erklärt der Handchirurg. Er empfiehlt bei bestimmten Fehlbildungen sogar einen Eingriff zwischen dem sechsten und zwölften Lebensmonat. "Wichtig ist, dass sich die Eltern in Bezug auf das Behandlungskonzept einig sind, da es oft ein langer und beschwerlicher Weg ist", so Benatar. Denn die sensiblen Eingriffe benötigen viel Nachsorge wie Krankengymnastik und Ergotherapie, manchmal ist dies lebenslang nötig.

Operationen in der Jugend sind nicht immer sinnvoll

Ein größeres Problem sei, dass viele Eltern mit ihren Kindern zu spät oder nie zum Spezialisten gehen. Im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter ist eine Operation manchmal nicht mehr sinnvoll. Dann ist viel Umsicht gefordert, auch wenn der Operationswunsch bei den Betroffenen manchmal sehr vehement ist. "Manche haben sich dann schon so gut mit der Fehlbildung arrangiert, dass eine Umstellung oft mit noch viel größeren Problemen verbunden wäre", erklärt Benatar.

Langzeitbeobachtungen der Patienten sind wichtig

Was bringt die Zukunft? Bioengineering, künstliche Knochen oder Handtransplantationen sind im Gespräch. Benatar hat schon vor Jahren eine internationale Gruppe von rund 20 Experten gegründet, die einmal im Jahr Langzeitbeobachtungen an Patienten austauschen oder die neuen Ansätze kritisch diskutieren. Denn die Kernfrage ist immer: Was braucht das Kind? Und ist alles, was medizinisch machbar ist, auch wirklich sinnvoll?

Die Eltern hoffen auf medizinische Entwicklung

Wie und ob Emily mit der Handprothese auf Dauer klar kommt, wird die Zukunft zeigen. Doch die Eltern sind optimistisch: "Mit zehn Jahren kann sie dann Teilprothesen für ihre Finger tragen, in die sie wie in einen Handschuh schlüpfen kann", sagt Michael M. Eine Operation ist für ihn aber auch nicht ausgeschlossen.

In Emilys Schwerbehindertenausweis steht ein "H" für hilflos. Doch ihre Familie sieht sie keineswegs so. Wenn sie wild schaukelt oder mit ihren Freundinnen durch Haus und Garten tobt, sind die Fehlbildungen kein Hindernis. "Ich bin dankbar, für alles, was Emily schafft", sagt ihr Vater stolz. Die Eltern sind davon überzeugt, dass ihre Tochter eines Tages auch Schwimmen oder Fahrradfahren lernen wird - dank der Prothese.

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Krankmacher Zähne - Der Feind im Mund

Knieleiden, Kopfschmerz oder Herzrasen – Ursache sind oft unsere Zähne. Falsch behandelte Wurzeln oder Entzündungen im Kiefer können krank machen.

 

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Krankmacher Zähne - Der Feind im Mund



Knieleiden, Kopfschmerz oder Herzrasen – Ursache sind oft unsere Zähne. Falsch behandelte Wurzeln oder Entzündungen im Kiefer können krank machen.

Mehr als zehn Jahre lang litt die 45jährige Ingrid Neuner unter starken Schmerzen in der linken Schulter. „Ich konnte keinen Sport mehr treiben“, erinnert sie sich. Weder Tabletten noch Krankengymnastik halfen. Schließlich wandte sie sich an einen ganzheitlichen Zahnmediziner und ließ sich den linken Kiefer sanieren. Kurz danach verschwanden die Symptome im Arm, gleichzeitig wurde auch ihre Migräne besser.


Jeder Zahn hat großen Einfluss

Was hat der Kiefer mit der Schulter zu tun? Und warum verschwinden Herzprobleme, wenn die Weisheitszähne raus sind? Eine mögliche Antwort geben Zahnmediziner, die auch naturheilkundlich arbeiten. Sie sind überzeugt, dass unser Gebiss mit inneren Organen und Gelenken nicht nur über Blut-, sondern auch über bioenergetische Bahnen verbunden ist. Deshalb nehmen sie nicht nur den Mund, sondern den ganzen Körper und sogar die Psyche ihrer Patienten in Augenschein.

Entstehen Blockaden zum Beispiel durch Entzündungen am Zahn, ist der Energiefluss gestört, es entstehen Krankheiten auch in ferneren Körperregionen. Mit Esoterik hat dieser Ansatz nichts zu tun. „Wir sind ausgebildete Mediziner und Kieferorthopäden, die zusätzlich auch Heilpraktiker sind oder eine entsprechende Fortbildung haben“, klärt Uwe Leemhuis, Geschäftsführer des Bundesverbands der naturkundlich tätigen Zahnärzte auf.


Vielfältiges Spektrum.

Deren Rat wird immer öfter gesucht, und Erfolgsmeldungen wie die von Ingrid Neuner sind beeindruckend. Dr. Johann Lechner, Zahnarzt und Heilpraktiker in München, erforscht seit 20 Jahren Krankenberichte und veröffentlichte sie jetzt in seinem Buch „Der Feind im Mund“. Etliche seiner Patienten haben eine jahrelange Odyssee durch Praxen hinter sich. Sie plagt oft gar nicht mal der Schmerz im Zahn, sondern unerklärliche Symptome wie Hautauschlag, Kreislaufprobleme, Schwindel, Tinnitus, rheumatische oder neurologische Beschwerden, Müdigkeit und Infektanfälligkeit. Diese Leiden wollen trozt symptomatischer Therapie nicht verschwinden.


Versteckte Störfelder.

Zahnmediziner Lechner geht dann auf die Suche nach dem möglichen Verursacher, dem sogenannten Störfeld oder Herd im Mund. Darunter fallen Zysten, tote Zähne, falsch behandelte Wurzeln, Restentzündungen nach einer Zahnentfernung, ungünstig gelegene Weisheitszähne, chronisch entzündete Zahnnerven, Erweichungen des Kiefers oder Unverträglichkeiten. Diese Herde streuen fortdauernd Bakterien, Gifte, Eiweißabbauprodukte oder Allergene in die Blutbahn, die den ganzen Körper in Mitleidenschaft ziehen können.


Impulse zur Selbstheilung

Eine normale Röntgenuntersuchung allein macht diese Störfelder nicht sichtbar“, erklärt Dr. Lechner. Er wertet zusätzlich noch ein Ultraschallbild der Kieferknochen und die Laborwerte der Toxine aus und kombiniert sie mit dem Anamese-Gespräch und heilpraktischen Untersuchungen. Wie etwa die Kirlianfotografie. Sie soll die Energieflüsse an Händen und Füßen sichtbar machen. Oder das Decoder-Dermogramm: Es soll Aufschluss über den Zustand des Nervensystems geben.

Ein kinesiologischer Arlängen-Reflextest soll auf Belastungen und Unverträglichkeiten hinweisen. Für diese Erstuntersuchungen sollte man sich mindestens zwei Stunden Zeit nehmen. Da die bioenergetischen Tests wissenschaftlich nicht beweisbar und anerkannt sind, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel die Kosten nicht.

Doch bei vielen Ratsuchenden kann sich dieser Aufwand lohnen. Nicht immer zieht Dr. Lechner einen Zahn. „Oft verschwinden schon nach einer kleinen Wurzel-OP oder Kiefersanierung innerhalb kürzester Zeit die Symptome.“ Wunder können die ganzheitlichen Zahnmediziner nicht vollbringen. „Wir lösen nur die Handbremse, indem wir die Störung im Mund beseitigen. So geben wir dem Körper den Impuls, sich selbst zu regenerieren.“


Rückenschmerz vom Fehlbiss

Es muss aber nicht gleich eine Entzündung sein. Eine zu hoch stehende Krone oder der falsche Abstand bei Prothesen verschieben bereits den Biss. Die Muskulatur versucht durch Verschieben des Unterkiefers den Unterschied auszugleichen. Das hält Muskelstränge vom Hals bis zum Becken unter ständiger Spannung. Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen sind die Folge. Letztendlich kann sich die Statik des ganzen Skeletts so verändern, dass sich sogar ein Bandscheibenvorfall entwickelt. Eine Beißschiene oder eine Kronenkorrektur schalten das Störfeld aus.


Glaubenskrieg um Amalgan

Eine weitere große Problemquelle sind laut naturheilkundlicher Ärzte Amalgam-Füllungen. Sie sollen Gift für den Körper sein, denn die Hälfte der Legierung besteht aus Quecksilber. Das lagert sich in reiner Form ja nachweislich im Gehirn und den Nieren ab. Ob aber die extrem kleine Dosis in den Füllungen wirklich Alzheimer und andere Erkrankungen verursachen kann, darüber streiten sich seit Jahrzehnten die Experten. Die gesetzlichen Krankenkassen empfehlen das Metallgemisch weiterhin.

Aus Sicht der Naturheilkundler entstehen aber viele chronische Krankheiten wie Rheuma, multiple Sklerose oder Krebs durch eine langfristige Überlastung der Entgiftungsorgane und ein dadurch geschwächtes Immunsystem. „Füllungen aus Amalgam oder Implantate können das Fass zum Überlaufen bringen und krank machen“, ist Peter Helms, Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Ganzheitliche ZahnMedizin (GZM) überzeugt. Bei ihm und seinen Kollegen kommt nur Keramik in den Kiefer.


Der tägliche Kampf in der Mundhöhle: Brutstätte für Bakterien, Erreger und Pilze

Mehr als 1000 Mikrobenarten leben im Mundraum. Die meisten sind harmlos, aber 1 Prozent gefährdet die Gesundheit. Dazu gehören auch Pilze: Candida albicans ist ein Hefepilz, der sich in fast jeder Mundhöhle oder im Darm befindet. Wenn er sich z.B. nach einer Antibiotika-Behandlung unkontrolliert vermehrt, können sich die Rachen oder die Speiseröhre entzünden. Tipp: Der weiße Biofilm auf der Zunge verursacht auch Mundgeruch und Karies. Wer täglich seine Zunge abschabt, hat ein Drittel weniger Bakterien auf den Zähnen. Der Speichel schützt unsere Zähne und gibt auch Auskunft über die bakterielle Belastung. Ein Streptokokkus-Mutans-Test überprüft, wie viele der kariesfördernden Erreger sich im Mund befinden. Ebenfalls kann der Grad säurebildender Laktobazillen ermittelt werden.

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